Barrierefreies Kino für alle – per Android-App CinemaConnect

Die kostenlose Android-App CinemaConnect von Sennheiser gibt es im Google Play Store und macht barrierefreies Kino für Sinnesbehinderte möglich. Mit ihr sind Audiodeskription, personalisierte Hörunterstützung sowie Untertitel über das eigene Smartphone in Echtzeit abrufbar. Ein Service, der Millionen Menschen anspricht: allein in Deutschland leben 1,2 Millionen mit Sehbehinderung oder Blindheit und etwa 15 Millionen mit Schwerhörigkeit.

Barrierefreies Kino: Kulturangebot für alle

Auf dem Dubai Film Festival traf ich Jörn Erkau, Manager von Global Sales CinemaConnect, und sprach mit ihm über sein Engagement für mehr Inklusion in der Gesellschaft: „Uns ist es wichtig, auf das Thema der Barrierefreiheit aufmerksam zu machen und technische Lösungen bereitzustellen. Hör- oder Sehgeschädigte sollen genauso ins Kino, Theater oder auch zu einem Fussballspiel gehen können. Wir möchten Kultur einfach allen zugänglich machen.“

Mit seinem Kollegen Simon Edeler ist der 50-jährige weltweit unterwegs, um Kunden für das Streaming System CinemaConnect zu finden. Um ein Kino barrierefrei zu gestalten, muss ein sogenannter Streaming Server (ConnectStation) und ein spezifischer WLAN-Router (Acces Point) eingebaut werden, erklärt Erkau: „CinemaConnect ist ein Audio-Übertragungssystem auf WLAN-Basis. Wir greifen anhand unseres Servers, der nicht größer als ein DVD-Player ist, die Tonspuren und Untertitel vom Kinoserver ab und übertragen diese über WLAN auf das Smartphone des Kinogängers.“

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Jörn Erkau by Maren Méheust

Diese Inhalte werden seit der Digitalisierung in allen Kinos zur Verfügung gestellt. Die Schnittstelle ist also da, bis jetzt fehlte nur der Übertragungsweg zum Abnehmer. Zwar können in manchen Kinos Empfänger zur Hörunterstützung geliehen werden, doch gestaltet es sich per Smartphone viel einfacher und auch mit eigenen Kopfhörern hygienischer.  Außerdem entfallen für den Veranstalter jegliche Kosten für die Bereitstellung, den Verleih und die Wartung von Geräten.

Mit der Plattform „culture inclusive“ informiert Sennheiser bereits, wo deutschlandweit barrierefreie Kulturangebote zu finden sind. Auf der interaktiven Deutschlandkarte kann nach Angeboten für Seh- oder Hörbehinderte geschaut werden.

Personalisierte Assistenz

Wenn ein Kino das Streaming System CinemaConnect installiert hat, muss der Nutzer nur noch die kostenlose Applikation herunterladen und sich im Kinosaal mit dem WLAN verbinden. Je nach Sinnesbehinderung stellt Sennheisers Applikation vier unterschiedliche Kanäle zur Verfügung: „Ich kann nicht nur Hörunterstützung oder Audiodeskription anfragen, sondern auch die französische oder englische Fassung des Films“, erklärt Erkau, der sich schon früh als Musiker und mit seiner Soundcom GmbH die Arbeit mit Ton zum Beruf gemacht hat.

Dabei geht die Applikation auf die persönlichen Bedürfnisse des Nutzers ein: „Wenn ich zum Beispiel eine Hörbehinderung bei den höheren Frequenzen habe, kann ich das per App nachjustieren und nur diese auf meinen Kopfhörern lauter stellen. Dafür hat Sennheiser in Unterstützung mit Fraunhofer spezielle Algorithmen entwickelt, um die Sprachverständlichkeit zu verbessern, die dann grafisch auf dem Smartphone übersetzt werden – dem sogenannten ‚personal hearing assistant‘.“ Bei Gehörlosigkeit können mit der Applikation Untertitel auf dem Smartphone mitgelesen werden. Außerdem bietet CinemaConnect auch das Abrufen mehrsprachiger Untertitel an, was zeigt, dass die App nicht nur Inklusion im Fokus hat.

Jörn Erkau stellte mir auf der Messe auch den Prototypen einer Untertitel-Brille vor, die bald das Mitlesen der Untertitel durch Projektion auf den unteren Rand der Leinwand für den Nutzer noch vereinfachen soll.

Anders gestaltet es sich bei Sehbehinderungen: „Wenn man blind ist, hört man zwar alles, sieht aber nicht, was auf der Leinwand passiert. Genau das übernimmt dann die Audiodeskription, die mit einem Ohr mitgehört werden kann. In jedem Audiodeskriptionstream arbeiten sehende und blinde Redakteure zusammen. Die Sehenden beschreiben die Geschehnisse so lange, bis sich das Bild mit dem des Blinden deckt.“

Individualisierte Inhalte sind die Zukunft

In Deutschland sind bereits 20 Kinos mit CinemaConnect ausgestattet. Ebenso in Finnland und Dänemark. In den USA laufen derzeit zwei Demo-Installationen und Korea meldete auch bereits Interesse. Ihre Welttournee führte Erkau und Edeler bis nach Dubai, wo sie großes Potential sehen: „Bei unserer Recherche sind wir auf die EXPO 2020 gestoßen, die auch mit den Themen Inklusion und Zugänglichkeit wirbt. Außerdem ist in den Vereinigten Arabischen Emiraten die Technikaffinität sehr groß und es gibt über 1600 Kinosäle in der Region.“

Mit CinemaConnect reagiert Sennheiser für Simon Edeler auf eine Entwicklung der Gesellschaft: „Heutzutage werden Inhalte immer mehr individualisiert konsumiert – das sieht man schon beim Fernsehen. Kaum jemand nutzt noch das lineare Angebot, wenn man per Internet selbst bestimmen kann, wann man was sieht. Mit unserem System habe ich die Möglichkeit, ins Kino zu gehen, ein soziales Ereignis zu teilen und trotzdem individualisierte Inhalte abzurufen – sei es mit Fremdsprachen oder Hör- bzw. Sehunterstützung.“

Die nächsten Besuche in den Städten der Welt sind schon geplant, bei der die beiden weiterhin auf Messen und Festivals für ein barrierefreies Kulturangebot werben.


Image „red“ by Mezenmir (CC0 Public Domain)


Dieser Text erschien zuerst auf unserer Geschwisterseite Netzpiloten.

About Maren Méheust
ist Berlinerin, hat in Paris Journalismus studiert und sich nun Dubai zur Wahlheimat gemacht. Dort schreibt sie für das deutsche Magazin Discover Middle East Publications.