Samsung Gear S3: Die Super-Smartwatch im Test

Während nahezu jeder ein Smartphone in der Tasche hat, ist das Handgelenk vieler Verbraucher noch elektronikfrei. Smartwatches setzen sich nur langsam, aber immerhin stetig durch. Laut Strategy Analytics ist Samsung trotz leichter Verkaufsrückgänge die Nummer zwei hinter Apple. Mit besonders hochwertigen Computeruhren will das Unternehmen zeigen, was technologisch geht. So soll das aktuelle Flaggschiff Gear S3 gängige Mankos in Sachen Display, Akku und Abhängigkeit vom Smartphone ein Ende bereiten und Smartwatches buchstäblich erträglicher machen. Klappt das? Ich habe mir die 400 Euro teure Samsung Gear S3 für einen Praxistest um den Arm geschnallt.

Design: Eine runde Sache

So manche Smartwatch verbirgt angesichts ihres viereckigen Gehäuse nicht, dass es sich um eine Computeruhr handelt. Tech-Enthusiasten mögen das vielleicht, viele andere Verbraucher nicht. Deshalb kommt die Gear S3 im klassischen runden Formfaktor einer herkömmlichen Armbanduhr daher. Viele der vorinstallierten Ziffernblätter nutzen analoge Zeiger, was diesen Eindruck unterstreicht.

Wer es besonders edel und schlicht möchte, greift zur Gear S3 Classic mit silberfarbenen Gehäuse und Lederarmband. Für einen sportlicheren Look steht die in schwarz gehaltene Gear S3 Frontier mit einem Armband aus weichem Kunststoff. Diese Variante liegt mir für den Test vor und trägt sich sehr angenehm.

Display: Die Erleuchtung der Smartwatch

Was ebenfalls zur Tarnung der Gear S3 als normale Armbanduhr beiträgt, ist das helle und kontrastreiche, 360 x 360 Pixel auflösende Display mit seiner Always-On-Funktion. Nach wenigen Sekunden wird der 1,3 Zoll (3,3 cm) große Bildschirm etwas dunkler. Ich sehe im Standby aber nicht nur völlig schwarz wie bei den meisten anderen Computeruhren. Auch ohne sie mit dem obligatorischen Heben und Drehen des Arms aus dem Schlaf zu wecken, zeigt die Gear S3 die Uhrzeit an.

Dies strapaziert die Akkulaufzeit nicht so sehr, wie ich befürchtet habe. Mit aktivierter Always-On-Funktion hält der Energiespeicher gute drei Tage durch, bis ich die Gear S3 wieder mit der mitgelieferten induktiven Ladestation auftanken muss. Mit dem herkömmlichen Komfort einer jahrelangen Batterielaufzeit hat das noch nichts zu tun, geht aber in die richtige Richtung.

Bedienung: Ich habe den Dreh raus

Samsung Gear S3
Neben dem Touch-Screen dienen ein Rad sowie zwei Tasten zur Steuerung der Samsung Gear S3. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Das auffälligste Designmerkmal der Gear S3 ist gleichzeitig ein wichtiges Bedienelement: Mit dem als Lünette bezeichneten Ring auf der Oberseite bewege ich mich durch das Menü der Uhr. Mit einem Dreh nach links checke ich die Benachrichtigungen, die WhatsApp und andere Apps vom Smartphone auf die Uhr schicken. Mit einem Dreh nach rechts wechsle ich durch die auf der Uhr installierten Programme. Innerhalb einer Anwendung switche ich mit der Lünette durch die jeweiligen Funktionen. Zudem kann ich mit dem Ring Anrufe auf dem Smartphone annehmen oder ablehnen.

Abgesehen von der Lünette steuere ich die Gear S3 über den Touchscreen und zwei seitliche Knöpfe. Die Mischung aus Touch- und physischer Bedienung ist elegant gelungen. Die Lünette ist vor allem praktisch, wenn ich die Handschuhe nicht ausziehen oder mit fettigen Fingern den Bildschirm nicht verschmieren möchte.

„Mit wem sprichst du?“ – „Mit meiner Uhr!“

Samsung Gear S3
S Voice plappert aber auch alles nach bei der Samsung Gear S3. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Alternativ kann ich viele Funktionen per Sprachbefehl ausführen. Samsungs Sprachsteuerung S Voice ist vorinstalliert. Sie erlaubt zum Beispiel, Apps zu öffnen, Anrufe zu starten, den Timer zu stellen und eine Erinnerung festzuhalten. Außerdem akzeptiert S Voice Diktate. So kann ich SMS beantworten ohne zum Smartphone greifen zu müssen.

In meinem Test versteht mich die Uhr ziemlich gut. Selten muss ich etwas wiederholen. Die Sprachsteuerung möchte ich nicht mehr missen. Die Uhr zu bitten, einen 20-minütigen Timer für mein Mittagsschläfchen zu stellen, ist ein lieb gewonnenes Ritual geworden.

Telefon fürs Handgelenk

Über das Mikro und den Lautsprecher kommuniziere ich jedoch nicht nur mit der Gear S3, sondern führe auch Telefonate. Ich liebe diese Funktion! So kann ich auch einen Anruf annehmen, wenn das Smartphone gerade nicht in Griffweite ist oder ich die Hände nicht wirklich frei habe. Die Sprachqualität reicht völlig aus. Die Gesprächspartner und ich konnten uns gut verstehen.

Samsung Gear S3
Sogar telefonieren lässt sich mit der Samsung Gear S3 – sofern das Smartphone verbunden ist. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Schade, dass die Idee der Smartwatch-SIM noch nicht Realität ist. Das Smartphone muss zum Telefonieren mit der Gear S3 wie mit allen anderen gängigen Smartwatches verbunden bleiben.

Famoser Fitnesstracker

Smartwatches sind auch deshalb noch kein Kassenschlager, weil sie mit den Fitnesstrackern konkurrieren, die vielen Menschen als smartes Gerät am Handgelenk genügen. Deshalb legen sich die Smartwatch-Hersteller auch bei den Fitnessfunktionen ordentlich ins Zeug. Das mach Samsung nicht anders.

Die Gear S3 ist vollgestopft mit Sensoren und Features für Sportler und Naturburschen. So behält ein Pulsmesser auf der Uhrenunterseite die Herzfrequenz im Blick und das integrierte GPS-Modul kartiert die Joggingstrecke auch dann, wenn das Smartphone zuhause bleibt. Der 4 GB große interne Speicher bietet genug Platz für anspornende. Wasser und Staub machen der Uhr dank einer Abdichtung nach IP68-Standard nichts aus. Die Gebirgsziegen unter euch freuen sich vielleicht darüber, dass ein Höhenmesser und ein Barometer mit an Bord sind.

Samsung Gear S3
Ein Höhenmesser und ein Barometer sind in der Samsung Gear S3 integriert. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Mir genügen die Funktionen für Couch-Potatoes. So wird mich die Gear S3, während ich diesen Text schreibe, sicherlich gleich wieder daran erinnern, dass ich mal aufstehen und mich bewegen sollte. Außerdem zählt sie die Etagen, die auf- und absteige – praktisch.

Meine Aktivitätsdaten kann ich über Samsungs Ökosystem S Health plattformübergreifend synchronisieren. So kann ich mit der S-Healt-App und einem Samsung-Konto auch auf anderen Android-Smartphones darauf zugreifen. Mit weiteren Fitness-Hubs wie Google Fit ist S Health jedoch nicht kompatibel.

App-Auswahl noch begrenzt

Nicht nur in Sachen Fitness-Cloud baut Samsung sukzessive sein Ökosystem aus. Auch beim Betriebssystem kocht das Technologieunternehmen sein eigenes Süppchen. Während die Samsung-Smartphones noch mit Android laufen, kommt bei der Gear S3 die hauseigene Plattform Tizen zum Einsatz.

Samsung Gear S3
Abgesehen von ein paar Zugpferden ist das Angebot an Spitzen-Apps für die Samsung Gear S3 noch überschaubar. Screenshot by Berti Kolbow-Berti

Das ist insofern ein Vorteil, als dass Entwickler unabhängig vom Betriebssystem des Smartphones ihre Apps optimal an die Samsung-Smartwatches anpassen können. Nur deshalb kann ich die Uhr auch mit dem herstellerfremden Huawei Mate 9 genauso gut testen wie mit einem Samsung-Gerät. Selbst unter iOS ist die Gear S3 verwendbar.

Gleichzeitig hat das bislang den Nachteil, dass die Auswahl im Galaxy Apps Store für die Gear S3 längst nicht so groß ist wie im Google Play Store. Mit Spotify, Yelp, Komoot oder der Navi-App Here sind einige bekannte App-Anbieter am Start. In den meisten Fällen handelt es sich jedoch um unabhängige Entwickler mit stark schwankender App-Qualität. Das Gros der downloadbaren Inhalte besteht ohnehin aus Ziffernblättern. Viele für den Smartwatch-Einsatz denkbare Apps wie der DB Navigator, MyTaxi oder Runtastic fehlen.

Daher ist die Gear S3 zwar eine recht leistungsstarke Computeruhr, entspricht aber bei weitem der Idee eines Wearables, das so unabhängig agiert, dass es einst mal die Nachfolge des Smartphones antreten kann.

Test-Fazit: Samsung Gear S3

Die Samsung Gear S3 (zur Produktseite) ist derzeit eine der vielseitigsten und bestausgestatteten Smartwatches. Sie sieht schicker und weniger nach Computeruhr aus als viele Konkurrenzprodukte. Das stets ablesbare Display hebt sich wohltuend von der im Standby rabenschwarzen Smartwatch-Masse ab. Die Akku-Laufzeit von im Test bis zu drei Tagen ist okay aber keine Offenbarung. Die Bedienung mit physischem Uhrenrad und Sprachsteuerung funktioniert fantastisch. Als Alltagsbegleiter und Fitnesstracker macht die Gear S3 einen super Job. Nur die App-Auswahl ist noch nicht Oberklasse.

Seit Pebble aus dem Rennen ist, tanzt nur noch die Apple Watch auf dem gleichen Parkett – aber eben nur für iOS. Die ZenWatch 3 von Asus ist zwar ähnlich schick, verzichtet aber auf Features wie den Herzfrequenzsensor und kann auch sonst nicht mithalten, wie unser Test der Asus ZenWatch 3 zeigt.

Wenn ihr keine Computeruhr mit Apps benötigt, sondern euch ein Fitnesstracker genügt, werft doch einen Blick auf die Samsung Gear Fit 2 Pro.


Images und Screenshots by Berti Kolbow-Lehradt


About Berti Kolbow-Lehradt
Berti ist ein pragmatischer Tech-Nerd, der gern Dinge testet, die das Leben komfortabler gestalten und vor allem Spaß bereiten. Er liebt smarte Unterhaltungstechnik sowie digitale Fotografie – und gibt gern Ratschläge dazu. Daher auch der Spitzname „RatgeBerti“. Wäre er nicht Technik-Journalist geworden, dann in einem anderen Leben vielleicht Superheld mit Technik-Overkill (Batman?) oder menschlicher Side-Kick bei den Transformers.