microSD-Karten mit A1-Standard lohnen sich derzeit kaum

Die Wahl der richtigen microSD-Karte ist eigentlich schon kompliziert genug. Jede Menge unterschiedliche Standards und Bezeichnungen schmücken das Etikett der Speicherflundern. Zwar sollen sie Orientierung schaffen. Doch stattdessen verwirren sie so manchen Käufer. Kürzlich ist noch ein weiteres Unterscheidungsmerkmal hinzugekommen. Die ersten microSD-Karten mit A1-Standard sind im Handel erhältlich. Mit ihnen sollen Smartphone-Nutzer schneller Apps starten können. Doch bisher können nur wenige Smartphones die Vorteile wirklich nutzen.

Das steckt hinter microSD-Karten mit A1-Standard

Häufig reicht der integrierte Speicherplatz eines Android-Smartphones für all die persönlichen Dateien nicht aus. In diesem Fall erweitern viele Anwender den Gerätespeicher mit einer microSD-Karte und verlagern Musik, Fotos und Apps dorthin. Mit Android 6.0 (Marshmallow) hat Google die Zusammenarbeit von internen und erweiterten Speicher verbessert. Seitdem kann das mobile Betriebssystem die beiden Bereiche als Speichereinheit verwalten und Apps direkt von der microSD-Karte starten.

Sehr langsame Karten würden den Programmstart ausbremsen. Daher müssen Nutzer sichergehen können, dass ihre microSD-Karten für diesen Prozess leistungsstark genug sind. Deshalb hat die zuständige Organisation SD Association einen verbindlichen Geschwindigkeitsstandard festgelegt: die Application Perfomance Class. Karten, die ihn erfüllen, sind mit einem A in Kombination mit einer 1 oder 2 versehen. Sie müssen ein bestimmtes Minimum an Lese- und Schreibtempo beim Zugriff auf viele kleine Datenpakete erfüllen. Diese Maßeinheit dafür lautet IOPS (Input/Output Operations Per Second). Diese Kennziffer ist für App-Starts wichtiger als die in MB/s gemessene Speicherkarten-Geschwindigkeit. Letztere ist nur beim sogenannten sequenziellen Speichern und Lesen großer Datenblöcke wie etwa im Fall von Fotos hilfreich.

Bei microSD-Karten mit A1-Standard beträgt die Untergrenze 1.500 IOPS (Lesen) und 500 IOPS (Schreiben). A2-Karten müssen 3,5-mal so schnell lesen und viermal so schnell schreiben können. Letztere sind allerdings noch Zukunftsmusik. Hingegen erste A1-Karten sind bereits im Handel erhältlich oder erscheinen in Kürze.

Toshiba Exceria Pro M402 mit A1-Standard getestet

Neben SanDisk hat auch Toshiba eine A1-Karte im Programm. Das Modell Toshiba Exceria Pro M402 soll im zweiten Quartal 2017 zu einem noch nicht genannten Preis in den Markt starten. Uns Androidpiloten lag bereits ein Test-Exemplar vor. Verglichen habe ich die Karte mit dem Vorgänger-Modell Exceria Pro M401 ohne A1-Zertifizierung, die mit 64 GB Speicherplatz online für rund 40 Euro aufwärts erhältlich ist.

microSD-Karten mit A1-Standard
Toshiba Exceria Pro M402 (mit A1, links)) und der Vorgänger Exceria Pro M401 (ohne A1). Image by Berti Kolbow-Lehradt

Beide Karten habe ich in verschiedenen Android-Smartphones installiert. Anschließend habe mit der auf Speicherkarten spezialisierten Benchmark-App Androbench die Geschwindigkeit gemessen.

Geschwindigkeitstest mit Androbench

Smartphone / KarteSequenzielles Lesen (MB/s)Sequenzielles Schreiben (MB/s)Zufälliges Lesen (IOPS)Zufälliges Schreiben (IOPS)
Honor 8
Toshiba Exceria Pro M402 (mit A1)62422426556
Toshiba Exceria Pro M401 (ohne A1)53331597323
Huawei Mate 9
Toshiba Exceria Pro M402 (mit A1)67412197535
Toshiba Exceria Pro M401 (ohne A1)55351568322
LG G4
Toshiba Exceria Pro M402 (mit A1)84712730535
Toshiba Exceria Pro M401 (ohne A1)80561776342
Gigaset GS160
Toshiba Exceria Pro M402 (mit A1)39241346414
Toshiba Exceria Pro M401 (ohne A1)3121950280
Archos 50b Cobalt Lite
Toshiba Exceria Pro M402 (mit A1)4028944382
Toshiba Exceria Pro M401 (ohne A1)3722748270

Meine Testergebnisse zeigen, dass die Toshiba-Karte mit A1-Standard durchgängig schnellere Messergebnisse in Androbench erzielt als die Karte ohne A1. Apps dürften zumindest theoretisch 30 bis 50 Prozent schneller starten.

Bei zwei Smartphones habe ich einen Praxistest durchgeführt. Per Hand habe ich gestoppt, wie schnell die App Angry Birds 2 startet (vom Tippen aufs Icon bis zum Füllen des gelben Ladebalkens). In diesem Praxistest fällt das Ergebnis uneinheitlich aus, in einem Fall lädt die Karte ohne A1 das Spiel schneller.

Praxistest mit Angry Birds 2

Gigaset GS160Archos 50b Cobalt Lite
Toshiba Exceria Pro M402 (mit A1)33,61 s41,32 s
Toshiba Exceria Pro M401 (ohne A1)37,25 s37,05 s

Betrachte ich nur die beiden verglichenen Karten, sprechen die Testläufe insgesamt für den Kauf einer A1-Karte. Wobei noch nicht klar ist, wie viel Aufpreis ihr für den Mehrwert zahlen müsst. Denn der Preis für die Toshiba Exceria Pro M402 steht ja noch nicht fest.

Performance hängt vom Smartphone ab

Hingegen bei einem genaueren Blick auf die Testergebnisse wird ein Dilemma deutlich. Natürlich können Käufer davon ausgehen, dass eine A1-Karte grundsätzlich leistungsstärker als ein vergleichbares Modell ohne A1-Standard ist. Doch eine Garantie dafür, dass das Tempo des A1-Standards wirklich erreicht wird, gibt es nicht.

Welches Lese- und Schreibtempo ihr in der Praxis nutzen könnt, hängt nicht nur von der Karte selbst ab. Es kommt auch darauf an, wie gut das Smartphone auf den Karten-Slot zugreift. Harmonieren Geräteelektronik und Speicherkarte nicht perfekt, müsst ihr Leistungseinbußen in Kauf nehmen. Das gilt beim Kauf von Speicherkarten immer und ist bei microSD-Karten mit A1-Standard nicht anders.

So kann die schwachbrüstige Hardware der beiden Einsteiger-Smartphones Gigaset GS160 und Archos 50b Cobalt Lite noch nicht mal so viel Speed aus den Toshiba-Karten abrufen, dass die Mindestgrenzen des A1-Standards erreicht werden. Hingegen die Mittel- und Oberklasse Geräte Honor 8, LG G4 und Huawei Mate 9 übertreffen im Zusammenspiel mit der Toshiba Exceria Pro M402 die A1-Spezifikationen bei weitem.

MicroSD-Karten mit A1-Standard
Image by Berti Kolbow-Lehradt

Das ist ein äußerst skurriler Befund. Denn die drei schnelleren Smartphones können mit Adoptable Storage gar nichts anfangen. Dabei ist das genau die Funktion, bei der euch die Application Performance Class Sicherheit bieten soll. Viele Smartphone-Hersteller deaktivieren Adoptable Storage nämlich. Dies schützt vor Datenverlust, wenn Benutzer die in den internen Speicher eingebundene microSD-Karte aus dem Gerät entfernen.

Wiederum mit den beiden von mir verwendeten Einsteiger-Smartphones könnt ihr Adoptable Storage nutzen. Obwohl beide das Minimum der A1-Spezifikationen nicht ausreizen können. Verkehrte Welt! Übrigens: Laut den Kollegen von der Netzwelt unterstützen auch einige Geräte unter anderem von Alcatel, HTC, Motorola, Wileyfox und Lenovo Adoptable Storage.

A1-Standard bietet noch keine Orientierung

Ohne Recherche ist für Verbraucher nicht zur erkennen, welches Smartphone die A1-Power nutzen kann. Die Karte funktioniert dann zwar trotzdem, nur eben nicht so schnell wie sie könnte. Das stellt derzeit den Mehrwert der Application Performance Class als Ganzes infrage.

Schaue ich mir die Testreihen mit den drei schnelleren Smartphones an, ist die neue Kategorie eigentlich überflüssig. Denn die Geräte erreichen zumindest bei den für App-Starts wichtigen Lesezeiten die A1-Spezifikationen auch mit der nicht A1-zertifizierten Karte. Die Zeitschrift c’t machte eine ähnliche Beobachtung. In einem Vergleich der c’t von aktuellen microSD-Karten erreichten Modelle von Samsung ohne A1-Logo bei den IOPS-Werten teilweise bessere Ergebnisse als microSD-Karten mit A1-Standard von Toshiba und SanDisk. Insofern bietet der A1-Aufdruck derzeit noch keine ausreichende Orientierung für Käufer.

Allerdings ist die Technologie noch am Beginn. Daher ist davon auszugehen, dass künftige Smartphones aller Preiskategorien sich mit Karten der Application Performance Class viel besser verstehen werden. Derzeit ist die Lage noch nicht so eindeutig, dass der Mehrwert ins Auge sticht. Vor allem Nutzer, die das Adoptable-Storage-Feature nicht nutzen, brauchen derzeit keine A1-Karte.


Images by Berti Kolbow-Lehradt


About Berti Kolbow-Lehradt
Berti ist ein pragmatischer Tech-Nerd, der gern Dinge testet, die das Leben komfortabler gestalten und vor allem Spaß bereiten. Er liebt smarte Unterhaltungstechnik sowie digitale Fotografie – und gibt gern Ratschläge dazu. Daher auch der Spitzname „RatgeBerti“. Wäre er nicht Technik-Journalist geworden, dann in einem anderen Leben vielleicht Superheld mit Technik-Overkill (Batman?) oder menschlicher Side-Kick bei den Transformers.