Innovations- und Technologie-Experte Kian Saemian: „Virtual Reality ist nicht der heilige Gral“

Praktisch jedes Unternehmen sehnt sich danach, „innovativ“ zu sein. Vor lauter Aktionismus tappen deswegen viele blindlings in die Falle von Technologie-Hypes. Wie Unternehmen auf sinnvollem Weg ihre „Zukunft durch Innovation“ sichern, stand jetzt im Mittelpunkt des gleichnamigen Branchentalks des Photoindustrie-Verbands (PIV). Über die Chancen und Risiken von Virtual Reality im Unternehmenseinsatz sprachen wir am Rande der Konferenz mit Kian Saemian. Er ist Senior Manager Business Development bei Mackevision, einem deutschen Spezialisten für Computer Generated Imagery, der unter anderem visuelle Effekte für die Blockbuster-Serie Game of Thrones produziert hat.

Julia Froolyks: Guten Tag, Herr Saemian. Wie viel Hype steckt noch im VR-Thema? Wie viel Wertschöpfung können Unternehmen tatsächlich schon damit generieren?

Kian Seamian: Stellen Sie sich vor, Sie stehen an einer Türe, hinter der sich ein extrem langer Gang befindet. Da, wo wir nun im Bereich VR stehen, haben wir die Türe aufgemacht und sind ein bis zwei Schritte gegangen. So würde ich den Stand von VR momentan beschreiben, in Bezug auf die Nutzung und Ausschöpfung dieser Technologie. Das heißt, es ist noch ein extrem langer Weg mit vielen Verbesserungen. Der tatsächliche Hype um VR ist mittlerweile aber stark abgeflacht, da VR-Brillen seit über einem Jahr final für den Massenmarkt existieren. Für mich sind VR, AR und Mixed Reality zukunftsweisend. Sie werden wichtige Bestandteile für Industrien in der Zukunft sein.

Welche Vorteile bietet Virtual Reality im Marketing gegenüber echten Erfahrungen?

Nehmen wir das Beispiel der Automobilbranche. Neue Showrooms und Flagship-Stores sind meistens direkt in der Innenstadt – also ist der Platz hier sehr begrenzt. Etwa in den Mercedes ME Stores stehen mittlerweile nur noch ein bis zwei Auto im Showroom. Das heißt, dass Kunden oft nicht mehr die Möglichkeit haben, ihr Wunsch-Auto anzufassen. Durch ein VR-Erlebnis kann der Kunde seine Wunschausstattung trotzdem erleben. Hierbei sitzt der Kunde tatsächlich in einem Autositz, kann sich bewegen und die Umgebung erkunden. Dann hat er die Möglichkeit die Materialien und Ausstattungen zu wechseln. Wir haben Zugang zu den Konstruktionsdaten der Hersteller. Von Design bis Engineering können wir die Daten verwenden, die ein Abbild der Realität quasi ein digitaler Zwilling sind. Dadurch können wir Logos, Knöpfe, Materialien und vieles mehr eins zu eins umsetzen. In diesem Sinn hilft VR-Technologie dabei, Sales-Prozesse zu verkürzen.

VR-Marketing sehe ich als riesigen Zukunftsmarkt. Nicht nur bei Autos, sondern auch in den Bereichen Architektur und Bauen. Hier können Gebäude und Räume geplant werden, Wohnungen können final in einer ausgesprochen guten Qualität konfiguriert werden. Ich sehe auch im Unterhaltungsbereich großes Potenzial. Zum Beispiel beim Konsumieren von Filmen. Virtuelle Realitäten bieten hier nicht nur das passive Ansehen von Filmen, sondern ermöglichen eine direkte Interaktion. Ein weiterer Punkt ist die Tourismus-Industrie. Mittels VR-Brille können Menschen andere Länder erkunden, die sie sonst niemals sehen würden.

Finden Sie das nicht erschreckend? Dann reist ja niemand mehr.

Es geht hier vor allem um Menschen, die nicht mehr reisen können oder nicht die finanziellen Mittel zur Verfügung haben. Erschreckend finde ich das nicht – die jüngeren Generationen werden eine ganz andere Sicht auf diese Technologien haben. Als das Internet noch jung war, da fanden Menschen das auch erschreckend und ungewohnt – heute sagt niemand mehr, dass er die Möglichkeiten des Internets erschreckend findet. Die Perspektiven auf die Technologien ändern sich generationenbedingt ständig und das wird meiner Meinung nach immer so bleiben.

Welche Breitenwirkung wird VR haben? Bleibt das vielleicht bloß eine Nische? Sollten Unternehmen VR vielleicht gleich überspringen und auf AR setzen?

Das ist ganz stark vom Nutzen der Technologie abhängig. Virtual Reality sowie Augmented Reality haben ihre Daseinsberechtigung. VR und AR konkurrieren nicht miteinander, sondern sind für unterschiedliche Zwecke sinnvoll. Beispielsweise wird es AR niemals schaffen, eine emotionale Situation so zu erzeugen, wie man es mit VR kann. Das liegt vor allem daran, dass eine VR-Brille den Verbraucher komplett abkapselt – dadurch liegt der Fokus komplett im Produkt und dem Erlebnis, da keine Ablenkungen stattfinden, wie sie bei AR durch die offene Umgebung passieren können. Das ist also ganz stark Situationsabhängig.

PIV Mitgliederversammlung NETZ (100 von 259)
Kian Saemian – Image by Photoindustrie-Verband e.V.
VR oder AR – wie können Unternehmen für sich die passende Technologie finden?
Zunächst einmal sollten Sie sich nicht von der Euphorie rund um eine Technologie in die Irre führen lassen. Die Konzentration auf einen Hype kann dazu führen, dass Unternehmen ihr Marketing völlig ineffizient ausrichten. Denn es kann sein, dass für das eigentliche unternehmerische Problem eine ganz andere Technologie in Frage kommt, die besser zum Unternehmen und zum Kunden passt. Dabei muss eine Firma sich selbst sehr gut kennen und wissen, wo überhaupt die Überlappung von Unternehmen und entsprechender Technologie stattfindet.
Wo liegt die Gefahr darin, wenn Unternehmen auf den falschen Trend setzen?

Im Bereich der VR beobachte ich, dass sehr viele Applikationen herausgebracht werden, die schlichtweg unausgereift sind. Das Potenzial dieser innovativen Energie wird dadurch überhaupt nicht genutzt. Das führt am Ende dazu, dass der Endkunde von der Technologie enttäuscht ist. Der Erfolg bleibt hier dann leider aus. VR ist nicht der heilige Gral. Genauso wenig wie alle dem „mobile first“-Mantra im blinden Gehorsam hinterherrennen sollen. Die Technologie muss zur Customer Journey passen.

Für welche Branchen ist VR-Marketing eher ungeeignet?

Das lässt sich natürlich nicht pauschal sagen. Ein Beispiel aus meiner Erfahrung wäre hier jedoch ein Unternehmen aus der Finanzbranche, das im letzten Jahr Interesse an einer VR-Experience gezeigt hat. Konkret ging es hier um ein VR-Terminal in einer Bank, bei dem ein Avatar mit den Kunden über Finanzfragen kommuniziert. Hier macht VR für mich jedoch absolut keinen Sinn, da eine VR-Anwendung in diesem Fall keinen Mehrwert für den Kunden bietet. Ein klassisches Beispiel für einen Staubfänger, der von Kunden nicht genutzt wird.

Inwiefern kann ein industrieübergreifender Austausch wie beim PIV Branchentalk dabei helfen, die passende Lösung zu finden?

Es gibt zahlreiche Industrien, die aktuelle und neue Technologien überhaupt nicht bewusst wahrnehmen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Entscheider über den Tellerrand hinausschauen und Möglichkeiten nicht verschlafen. Auf branchenübergreifenden Kongressen entstehen oft erst Anregungen für ganz neue Lösungen. Ein Beispiel aus der Medizinindustrie: Es lassen sich mittlerweile Phobien und Ängste mittels VR-Brillen therapieren. Dem ist ein branchenübergreifender Austausch vorangegangen, bei dem Menschen die Brücke zwischen VR und Gesundheitswesen geschlagen haben.

Bei künstlicher Realität geht es in erster Linie um visuelle Erlebnisse, also die Domäne der Imaging-Industrie. Inwiefern können Imaging-Firmen zum weiteren Erfolg dieser Technologien beitragen?

Gute Linsen und Sensoren sind entscheidend für gelungene VR-Erlebnisse. Hier sehe ich eine gute Chance für den klassischen Imaging-Markt, der sich in den letzten Jahren zum Glück immer weiter geöffnet hat – beispielsweise im Bereich 360-Grad-Kameras. Ein gutes Beispiel für Input aus der Imaging-Industrie ist die – allerdings nicht offiziell bestätigte Zusammenarbeit zwischen Zeiss und Apple an einer gemeinsamen Datenbrille.

Gibt es eine Technologie, die Sie neben künstlicher Realität in Zukunft ganz vorne im Bereich Imaging sehen?

Ich sehe quasi eine Explosion in den nächsten Jahren im Bereich der Lichtfeld-Technologie, die es erleichtert, Bilder nachträglich zu refokussieren. Das ist vor allem für den Otto-Normal-Verbraucher interessant, da auf diese Weise ein unscharfes Foto nachträglich gerettet werden kann. Zusätzlich wird die Lichtfeld-Technologie auch Bewegungen innerhalb eines Bildes ermöglichen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit dem Photoindustrie-Verband e.V. (PIV) entstanden und erschien zuerst auf Netzpiloten.de.


Image (adapted) „Virtuelle Realität“ by szfphy (CC0 Public Domain)


About Julia Froolyks
Technikjournalistin und leidenschaftlicher Fan von Marktneuheiten. Neben Mobilfunk und Smartphones hegt sie eine innige Beziehungen zu Datenschutz und Cyber Security.