Breitbild-Smartphone LG Q6 soll „Flaggschiff des Massenmarktes“ werden [Update]

Wer sich für ein preisgünstiges Smartphone aus dem mittleren Preisbereich entscheidet, muss meist auf die spektakulären Top-Funktionen der Spitzenmodelle verzichten. LG macht es anders und stattet sein neues Mittelklasse-Gerät LG Q6 mit einem zentralen Merkmal seines vor wenigen Monaten veröffentlichten Top-Gerät G6 aus. So erhalten Nutzer des Q6 ebenso ein fast rahmenloses Display im extra langgezogenen Breitbildformat 18:9. Dadurch bietet es eine 5,5-Zoll-Bildschirmdiagonale in einem Gehäuse, das so kompakt wie viele 5-Zoll-Smartphones ist. Mit diesem Konzept hofft LG endlich wieder auf einen Kassenschlager, der Kunden weg von Samsung- und Huawei-Modellen lockt. Kann das klappen? Wir haben ein Vorserien-Modell im Rahmen des IFA Innovations Media Briefing (IMB) 2017 begutachtet.

Ein bezahlbares Flaggschiff für den Massenmarkt

Das LG Q6 ist das erste Modell einer neuen Reihe, die LG als „bezahlbare Premium-Produkte“ positionieren möchte, wie uns Kira Werner, Channel Marketing Managerin bei LG, beim IMB erklärt. Die Q-Modelle ordnen sich unterhalb der G-Serie, aber über der X- und K-Serie ein. Das Display-Angebot spielt in den Überlegungen ein große Rolle. „Marktbeobachtungen zeigen, dass besonders große und besonders kleine Smartphones beliebt sind. Viele Verbraucher stecken in einem Dilemma. Sie wollen ein großes Display für Webartikel, Videos und Games, finden aber ein großes Smartphone zu unhandlich“.

LG beim G6 und Samsung beim S8 haben dieses Jahr mit nahezu rahmenlosen Displays vorgemacht, wie sich dieses Dilemma auflösen lässt. LG nennt es „FullVision“, Samsung „Infinity Display“. Beide Geräte kosteten zum Start über 700 Euro. Selbst nach einem massiven Preissturz werden für das LG G6 immer noch 450 Euro fällig. Zu teuer für viele. Deshalb will LG das von der Fachwelt und auch in unserem Test gelobte FullVision-Display bezahlbar machen und damit so ganz nebenbei auch ein paar Marktanteile im hart umkämpften Mittelklassemarkt wett machen.

Einen Preis nennt LG für das Q6 noch nicht, doch er soll sich auf „Massenmarktniveau“ bewegen, sagt Kira Werner. Wir gehen von etwa 350 Euro aus, was sich in die Preisklasse eines Honor 9 oder eines Samsung Galaxy A5 (2017) einordnen würde. Insbesondere LGs Lieblingsfeind Samsung speckt seine Mittelklasse-Angebot aus der A-Reihe stets stark ab und hebt sich die Innovationen für die teure S-Klasse auf.

[Update, 28.7.2017] Das LG Q6 erscheint am 21. August im deutschen Handel. Wie von uns erwartet, beträgt der vom Hersteller empfohlene Preis zum Marktstart 349 Euro.

Indem LG das „FullVision“-Display vom G6 auch ins Q6 bringt, hofft das Unternehmen eine attraktive Alternative darstellen zu können, dessen Preis-Leistungs-Verhältnis sich auch in einem Verkaufserfolg niederschlägt. Die Ambitionen sind groß: „Wir wollen das LG Q6 als Flaggschiff des Massenmarktes etablieren“, betont LG-Channel-Marketing-Managerin Kira Werner. Neben dem allgemeinen Publikum will LG laut Kira Werner insbesondere Kinder und Jugendliche ansprechen, die sich Top-Features wünschen, aber nicht so viel von ihrem Budget (oder dem ihrer Eltern) dafür investieren wollen.

Das Display ist das Beste am LG Q6

Am tollen Display dürfte es nicht scheitern. Für ein Mittelklasse-Gerät löst das LG Q6 mit 2.160 x 1.080 Pixel so hoch auf, wie es sonst nur Top-Geräte tun. Die Pixeldichte ist mit 442 ppi so hoch, dass sich das Display auch für Virtual-Reality-Anwendungen eignet. Einzelne Bildpunkte können wir auch aus geringer Distanz nicht unterscheiden. Zudem ist das Display sehr hell und kontrastreich.

LG Q6
Hochauflösende Youtube-Videos machen mit dem LG Q6 Spaß. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Surfen lässt sich damit toll. Aufgrund der großen Fläche ist das Displays prädestinier für Splitscreens. Hochauflösende Videos bei Youtube zu gucken, macht ebenfalls Spaß. Wie prima sich das Display bei Games eignet, konnten wir am Messestand nicht testen. HDR-Videos werden übrigens nicht unterstützt. Die Kooperation mit Dolby hebt sich LG dann doch für das G6 auf. Auch so macht das Display mit seinen abgerundeten Ecken einen grandiosen Eindruck.

Design und Rechenhardware sind Durchschnitt

Mit Abmaßen von 142 x 69 x 8 Millimeter und einer Gesamtmasse von 149 Gramm wirkt das Gerät tatsächlich schön kompakt und handlich. Allerdings bekommt es anders als das große Geschwister G6 lediglich einen Rahmen aus Aluminium spendiert. Die Gehäuserückseite besteht aus Kunststoff. Diese sieht weder hochwertig aus, noch fühlt sich sie besonders elegant an. Dies schmälert „Look & Feel“ des Mittelklasse-Smartphones erheblich. Immerhin ist das Gehäuse gegen Regenwasser und groben Staub gemäß Schutzklasse IP52 abgedichtet. Aus unbekannten Gründen bewirbt LG diesen Schutz nicht, hat ihn auf unsere Nachfrage aber bestätigt.

Unter der Haube befindet sich keine Spitzenhardware, sondern nur Mittelklasse-Allerlei. Der Qualcomm Snapdragon 435 Quad-Core-Prozessor sorgt zwar für eine gute Alltagsleistung. So läuft die auf dem aktuellen Android 7.1.1. basierende Nutzeroberfläche sehr flüssig und rund. Jedoch bei sehr rechenintensiven Games wird das Gerät womöglich an seine Grenzen stoßen. Hingegen mit dem 3 GB großen Arbeitsspeicher dürften die meisten gut leben dürfen. Er spricht für schnelle App-Starts und flüssiges Multitasking. Ob 32 GB interner Speicher für Musik, Videos und Games genug oder zu wenig sind, hängt vom Nutzer selbst ab. Wenig ist das nicht. Wer mehr Platz braucht, schiebt eine Speicherkarte ein.

Die Abstriche bei Design und Rechenhardware sind kein Kaufkiller. Allerdings macht die Konkurrenz vor, dass da mehr drin ist. Das Honor 9 etwa macht einen besseren Eindruck in diesen Bereichen. Auch Samsungs Einsteigermodelle der J-Serie wirken edler.

Weitwinklige Selfie-Kamera und großer Akku

Die Kameraeinheiten sind allen Anschein nach ebenfalls nicht auf Spitzenleistungen getrimmt. Das Hauptmodul löst mit 13 Megapixel auf, wobei unklar bleibt welche Blende und welche Brennweite zum Einsatz kommt. Auf eine Dual-Kamera, wie sie beim LG G6 zum Einsatz kommt, müssen Interessenten verzichten.

Auch die Informationen zur Frontkamera sind sehr spärlich. Wir wissen lediglich dass sie Fotos mit 5 Megapixel Auflösung schießt und einen Weitwinkel-Modus bietet, den LG als besondere Eigenschaft hervorhebt. Dieser erweitert den normalen Aufnahmewinkel von 82 Grad auf 100 Grad. Dadurch passt bei gleichem Abstand mehr aufs Bild. Das ist praktisch für Selbstporträts von Kleingruppen.

LG Q6
Die Weitwinkel-Frontkamera soll toll für Selfies sein. Image by LG Electronics

Neben FullVision-Display und Weitwinkel-Frontkamera ist der großzügig dimensionierte Akku das dritte Merkmal, das LG betont. Mit 3000 mAh bietet der fest verbaute Energiespeicher für diese Gehäusegröße überdurchschnittlich viel Kapazität und dürfte daher im Alltag respektable Ausdauer beweisen. Nicht auf dem neusten Stand ist der USB-A-Anschluss, über den der Akku geladen wird.

Gesichtserkennung statt Fingerabdruckscanner

LG Q6
Die Einrichtung der Gesichtserkennung ist leicht. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Der branchenübliche Fingerabdrucksensor bleibt dem LG Q6 verwehrt. Dafür integriert der Hersteller eine Gesichtserkennung, die den Nutzer zuverlässig erkennen und das Mobiltelefon schnell entsperren soll. LG will die Gesichtserkennung so optimiert haben, dass sie sich nicht so einfach austricksen lassen soll wie beim Samsung S8. Dazu soll beitragen, dass der Bewegungssensor des Smartphones die typische Armbewegung registriert, wenn man das Handy aus der Tasche zieht und vors Gesicht hält.

Im Praxistest funktionierte das Feature gut. Die Einrichtung war leicht: In die Frontkamera gucken und dabei das Gesicht nach oben und unten, rechts und links neigen. Anschließend entsperrte sich das Gerät zuverlässig. Wichtig war dabei aber, das Gerät exakt auf Augenhöhe vors Gesicht zu halten. Das ist nicht zwingend alltagstauglich. Bei den finalen Seriengeräten soll die Software des LG Q6 das Gesicht aber auch bei anderen Körperhaltungen erkennen.

Fazit

Mit dem Q6 schnürt LG ein interessantes Paket. Insbesondere das FullVision-Display überzeugt. Über den durchschnittlichen Prozessor können wir hinwegsehen, weil den viele Nutzer vermutlich eh gar nicht ausreizen werden. Das Design hingegen empfinden wir angesichts der schicken Geräte der Wettbewerber Samsung, Huawei und Honor geradezu als Zumutung. Ob die Gesichtserkennung in allen Lebenslagen genauso praktisch ist wie ein Fingerabdruckscanner, könnte nur ein Dauertest zeigen.

Insgesamt ist das LG Q6 ein vielversprechender Vorstoß in die hart umkämpfte Mittelklasse. Wirklich aufrollen wird LG das Feld aber kaum. Schließlich sticht bis auf das Display und die Gesichtserkennung kein Merkmal aus dem Wettbewerb wirklich heraus.

[Update, 28.7.2017] Zu einem Preis von 350 Euro halten wir das Gerät durchaus für empfehlenswert. Zumal dieser nach dem Marktstart erfahrungsgemäß noch sinkt. Wer auf ein Metallgehäuse verzichten kann und ein sogenanntes Fullscreen-Display mit wenig seitlichem Rahmen bevorzugt, findet in dieser Preisklasse keine Alternative. Wie empfehlenswert das Gerät im Vergleich daher tatsächlich ist, können wir erst beurteilen, wenn der Preis feststeht.

LG Q6
Das LG Q6 kommt in mehreren Farben. Image by LG Electronics

Zur Markteinführung im August 2017 wird das Q6 in den Farben Astro Black, Ice Platinum, Terra Gold und Mystic White verfügbar sein. Zuerst wird das Telefon in Asien aufschlagen. Am 21. August erscheint es im deutschen Handel.  Wann es nach Deutschland kommen soll, ist bis dato nicht bekannt.


Images by Berti Kolbow-Lehradt; LG Electronics


About Berti Kolbow-Lehradt
Berti ist ein pragmatischer Tech-Nerd, der gern Dinge testet, die das Leben komfortabler gestalten und vor allem Spaß bereiten. Er liebt smarte Unterhaltungstechnik sowie digitale Fotografie – und gibt gern Ratschläge dazu. Daher auch der Spitzname „RatgeBerti“. Wäre er nicht Technik-Journalist geworden, dann in einem anderen Leben vielleicht Superheld mit Technik-Overkill (Batman?) oder menschlicher Side-Kick bei den Transformers.