Galaxy Tab S3 im Test: Samsung treibt S bunt

Den Tablet-Markt hat das iPad fest im Griff. Im Android-Lager kann kaum ein Modell Apples Flachrechner das Geschäft madig machen. Ungeachtet dessen versucht Samsung unermüdlich mit den Spitzengeräten der „Tab S“-Reihe dem Lieblingsfeind die Show zu stehlen. Nun bittet das aktuelle Vorzeige-Modell, Galaxy Tab S3, das erfolgreiche iPad Pro zum Tanz. Wie Apple, setzt Samsung auf eine hochgerüstete Multimedia-Leistung für das mobile Heimentertainment sowie einen ausgeklügelten Digitalstift für reiselustige Kreative und Büroarbeiter. Das klingt nach einer gelungenen Mischung für ein Blockbuster-Tablet. In meinem Praxistest erweist sich das Galaxy Tab S3 tatsächlich auch als spektakuläre Rampensau und bedingungsloses Workaholic-Gadget. Kleinere Schwächen kann es aber nicht unter den roten Teppich kehren.

Galaxy Tab S3: Schöner Schmierfink

Wow, was für ein Tablet! Das Galaxy Tab S3 ist so edel designt und verarbeitet, wie ich es von einem Premium-Gerät erwarte. Spaltmaße oder scharfe Kanten sind kein Thema. Dass auch die Hauptkamera bündig mit dem Gehäuse abschließt und nicht hervorsteht, unterstreicht die Designqualität. Mit sechs Millimetern in der Tiefe und rund 430 Gramm auf der Waage ist der 9,7-Zöller äußerst schlank und leicht.

Samsung Galaxy Tab S3
Schönes Design, anfällig für Fingerabdrücke. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Der Look des mit Glas beschichteten Metallgehäuses ist rundherum makellos und stellt selbst die Optik des an sich ja auch nicht hässlichen iPad in den Schatten. Allerdings nur bis zur ersten Berührung. Fingerabdrücke hinterlassen schnell einen bleibenden Eindruck. Schon nach wenigen Minuten im Einsatz entpuppt sich das Galaxy Tab S3 als veritabler Schmierfink. Das ist nicht nur unansehnlich, sondern sorgt auch für eine Rutschpartie, die der Griffigkeit abträglich ist. Wer das Tablet-Juwel nicht mit einer Hülle einkleiden möchte, sollte stets ein Mikrofasertuch in Griffweite haben.

Ein Display für die Götter

Wie eine wahre Showdiva kann das Galaxy Tab S3 solche kosmetischen Makel mit grandioser Unterhaltung kaschieren. Wenn der Vorhang für das Display aufgeht, liefert das Samsung-Tablet souverän ab. Filme, Serien und Spiele sehen auf dem scharfen, hellen und kontrastreichen Bildschirm einfach zum Niederknien aus. Zum reinen Surfen, E-Mailen oder E-Books lesen ist die hohe Auflösung von 2.048 x 1.536 Bildpunkten fast schon zu schade.

Samsung Galaxy Tab S3
Image by Berti Kolbow-Lehradt

Für ein sAMOLED-Display von Samsung typisch, sind die Farben sehr intensiv abgemischt. Das ist aber nicht bei jedem Einsatzzweck von Vorteil. Für die Bearbeitung von Fotos und Videos halte ich das Tablet nicht für ideal. Eine Möglichkeit, die Farbintensität auf ein neutrales Maß zu reduzieren, habe ich in den Einstellungen vergeblich gesucht. Kreative, die Wert auf Farbtreue legen, kommen dabei zu kurz. Samsung treibt es hier einfach zu bunt.

Wer genug geschafft hat und abends mit ein wenig Tablet-Konsum geistig runterkommen möchte, freut sich über den integrierten Blaufilter. Schade aber, dass dieser sich nur manuell in den Optionen aktivieren lässt. Eine Zeitschaltung wie bei iOS-Geräten wäre noch komfortabler.

Hereinspaziert ins HDR-Kino für unterwegs

Seine Entertainer-Qualitäten unterstreicht das Samsung-Tablet mit der Fähigkeit, Videos in High Dynamic Range (HDR) abzuspielen. Dies soll für mehr Details in sehr hellen und sehr dunklen Bildbereichen sorgen und war bislang teuren TV-Geräten vorbehalten. Das Galaxy Tab S3 gehört zu den ersten HDR-kompatiblen Mobilgeräten, die Sendungen in der Video-App von Amazon in HDR streamen können. Zum Testzeitpunkt waren folgende HDR-Inhalten in jeweils separaten Rubriken aufgelistet:

Serien: American Gods, The Grand Tour, You Are Wanted, Bosch, Good Girls Revolt, Highston, The Man in The High Castle, Mozart In The Jungle, One Mississippi, Patriot, Red Oaks, The Interestings, The Last Tycoon, Transparen, Z: The Beginning Of Everything.

Filme: Coral Reef Adventure, Dolphins, The Living Sea, Van Gogh: Brush With Genius.

Insgesamt ist das Angebot also noch mau. Doch nicht nur deswegen müssen sich Nutzer nicht ärgern, die mangels Account nicht auf Amazon zugreifen können. Der Mehrwert von HDR auf Mobilgeräten ist generell noch begrenzt. Zwar wirken HDR-Sendungen auf dem Samsung-Tablet kontrastreicher und farbbrillanter als zum Beispiel auf einem iPad Air, das kein HDR darstellen kann. Allerdings sehen auch Filme ohne HDR-Qualität auf dem Tab S3 viel besser aus als die gleichen Inhalte auf dem Vergleichs-Tablet. Selbst wenn ich nur das Tab S3 betrachte, sind die Unterschied zwischen Sendungen mit und ohne HDR sehr subtil.

Samsung Galaxy Tab S3
HDR-Sendungen bei Amazon. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Unterm Strich heißt das: Prima, dass Samsung mit High Dynamic Range ein Feature einbaut, mit dem Nutzer sich die Zukunft des Fernsehens auch aufs Tablet holen. Als Kaufkriterium sollte dieses Merkmal beim Tab S3 zumindest zum jetzigen Zeitpunkt keine gewichtige Rolle spielen.

Du bist so Highscore wie ein Vulkan

Standesgemäß für ein Top-Tablet, leistet sich das Galaxy Tab S3 bei der Arbeitsgeschwindigkeit keine Schwächen. Android Nougat, Samsungs eigene Bedienoberfläche und die Hardware sind gut aufeinander abgestimmt. Der Vierkern-Prozessor, Qualcomm Snapdragon 820, ist zwar nicht das alleraktuellste Modell. Aber zusammen mit dem 4 GB großen Arbeitsspeicher gibt er sich im Praxistest keine Blöße. Schon gar nicht im reinen Alltagsbetrieb. Und selbst grafikintensive Spiele können die Rechenhardware nicht in die Knie zwingen. Alles läuft flüssig. Die Ladezeiten bleiben unauffällig.

Für eine besonders schnelle Rechenleistung in Spielen hat das Galaxy Tab S3 einen separaten Grafikchip (Qualcomm Adreno 530) unter der Haube, der die 3D-Grafikschnittstelle Vulkan unterstützt. Vulkan-kompatible Spiele wie Vainglory sehen sehr gut aus. Gerade dem dynamischen, bilddetailreichen Gameplay dürfte die Leistungsstärke der Hardware zugutekommen. Trotz der hohen Rechenleistung hält der Akku im Praxistest bei multimedialer Nutzung gute drei bis vier Tage durch.

Für mobile Gamer bietet Samsung weitere Schmankerl. Da wäre zum einen der Game-Launcher, ein Untermenü, das automatisch alle Icons von installierten Spielen bündelt. Vielspieler werden auch die Game-Tools mögen. Wenn aktiviert, lässt sich in Spielen ein Seitenmenü öffnen. Es ermöglicht, während des Spiels Tasten zu sperren sowie Standbilder oder Videos vom Spiel aufzunehmen.

Erstklassiger Digitalstift

Samsung Galaxy Tab S3
Schreiben mit dem S Pen in OneNote. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Auch als Arbeitsgerät macht das Tab S3 eine gute Figur. Die Performance des überarbeiteten S Pen von Samsung ist hervorragend. In das Gehäuse versenken lässt er sich wegen seiner Größe allerdings nicht. Er hat nämlich einen größeren Durchmesser als die Stifte der Note-Reihe. Dadurch liegt er aber auch besser in der Hand. Das Schreibgerät und das Tablet arbeiten einwandfrei zusammen. So ein präzises und rundes Schreibgefühl habe ich bei noch keinem Digitalstift erlebt. Auch nicht bei Apples Pencil, den Samsung mit dem neuen S Pen ganz offen attackiert. Anders als beim iPad Pro, sind jedoch nur wenige ausgewählt Apps vollständig für den S Pen optimiert.

Begeistert hat mich ein Zusatzfeature, das einige Nutzer bereits von den Note-Geräten kennen dürften: Das Screen-Off-Memo. Drücke ich in Nähe des gesperrten Tablets die Taste am S Pen, kann ich eine Notiz hinterlassen, ohne das Tab S3 zuvor aus dem Standby zu wecken. Die Notizen werden dann automatisch in einer neuen Datei in S Notes gespeichert.

Samsung Galaxy Tab S3
Screen-Off-Memo ist ein praktisches Feature. Wer Schreibfehler findet, darf sie behalten. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Sehr praktisch ist auch das Schnellmenü, das sich mit einem Druck auf den Knopf des S Pen aktiviert. Es bietet nicht nur vorgefertigte Optionen, sondern lässt sich individualisieren. Daher kann ich auch Shortcuts zu häufig genutzten Apps wie OneNote hinzufügen.

Weniger gelungen finde ich die Integration des physischen Knopfes. Ständig ist er meiner Fingerspitze im Weg, sodass ich ihn versehentlich drücke. Das nervt im Betrieb auf Dauer. Den Stift etwas zu drehen reduziert die Fehltipper, allerdings nur unwesentlich.

Mankos beim Hören und Tasten

Auch in anderen Aspekten könnte die Ergonomie etwas besser sein. Die Lautsprecher klingen für ein Tablet zwar sehr gut – die Klangbühne ist sehr breit, insofern zahlt sich die Verdopplung der Lautsprecher auf vier soundtechnisch aus. Weil sie aber an den beiden schmalen Seiten platziert sind, werden die zwei unteren Speaker immer von meinen Händen verdeckt, wenn ich das Gerät im Landscape-Modus halte. Da Samsung den hochwertigen Sound als Schlüsselmerkmal des Geräts hervorhebt, ist das ein ärgerliches Manko.

Ebenfalls nicht mit dem hohen Qualitäts-Anspruch mithalten kann der Fingerabdruckscanner. Er funktioniert in meinem Test zwar sehr schnell, aber nicht präzise. Die Erkennungstoleranz ist gering. Der Sensor erkennt Finger nur, wenn sie ihn in ganz bestimmter Weise berühren. Mit der Eingabe eines Passwortes oder eines Musters komme ich am Ende schneller ans Ziel.

Samsung Galaxy Tab S3
Der Fingerabdruckscanner im Home-Button ist schnell aber nicht präzise. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Test-Fazit Galaxy Tab S3

Mit dem Galaxy Tab S3 ist Samsung ein großer Wurf gelungen. Mein Test bestätigt die guten Eindrücke vom Hands-on von Lars Rehm. Design und Display sind echte Juwelen. Die neue Version des S Pen ist Samsungs bisher bester Digitalstift. Damit zu schreiben ist ein Genuss. Schnell ist das Spitzenmodell ebenfalls. Dass ein Vorjahresprozessor verbaut ist, stört nur Nerds. Und wer eine Hülle verwendet, wird auch die schmutzanfällige Oberfläche verkraften können.

Ärgerlicher ist, dass die HDR-Fähigkeit kaum einen Mehrwert bringt, und dass das Lautsprecher-Quartett beim Gebrauch im Landscape-Modus zur Hälfte verdeckt ist, daher seine Stärken kaum ausspielen kann. Wer das Galaxy Tab S als Kreativer einsetzen möchte, wird zum Beispiel in der Bildbearbeitung die fehlende Farbtreue vermissen. Außerdem sind viele Apps nicht für den S Pen optimiert oder gar nicht auf Android-Tablets verfügbar.

Daher dürfte das Galaxy Tab S nur bedingt iOS-Nutzer zum Wechsel animieren. Wer hingegen ein aktuelles Spitzen-Tablet für Video-Streaming und Mobile Gaming im Android-Lager sucht und bereit ist, 570 Euro (WLAN-Version) bzw. 670 Euro (LTE-Version) zu investieren, sollte Samsungs Vorzeige-Modell in Betracht ziehen.


Images by Berti Kolbow-Lehradt


About Berti Kolbow-Lehradt
Berti ist ein pragmatischer Tech-Nerd, der gern Dinge testet, die das Leben komfortabler gestalten und vor allem Spaß bereiten. Er liebt smarte Unterhaltungstechnik sowie digitale Fotografie – und gibt gern Ratschläge dazu. Daher auch der Spitzname „RatgeBerti“. Wäre er nicht Technik-Journalist geworden, dann in einem anderen Leben vielleicht Superheld mit Technik-Overkill (Batman?) oder menschlicher Side-Kick bei den Transformers.