Galaxy Note 7 ist (nicht) vergessen: So will Samsung den Phablet-Markt zurück erobern

Beinahe ein Jahr ist es her, dass Samsung das Galaxy Note 7 der Öffentlichkeit präsentiert hat. Die anfängliche Begeisterung wich schnell einem Debakel, das Samsung am Ende rund 17 Milliarden Dollar kostete. Der Konzern wurde trotz dieser unvorstellbaren Summe durch den Akku-Schreck nicht ruiniert. Mit dem Galaxy S8 stieg er wie Phönix aus der Asche auf. Im August stellt Samsung das neue Galaxy Note 8 vor. Das neue Phablet muss einfach alles richtig machen. Nur dann kann Samsung das Debakel um das Galaxy Note 7 endlich hinter sich lassen. Zudem könnte der Platzhirsch Phablet-Herausforderer wie Huawei mit seinem Mate 9 wieder in die Schranken weisen. Welche drastischen Maßnahmen das Unternehmen dafür getroffen hat, zeigt die Analyse.

Galaxy Note 7: Eine Lappalie wird zum Desaster

Galaxy Note 7
Galaxy Note 7. Image by Samsung

Das Jahr 2016 stand für den Elektronik-Hersteller Samsung unter keinem guten Stern. Das Galaxy Note 7 sollte Samsungs neues Top-Phablet werden. Tatsächlich sah einige Zeit nach der Präsentation des riesigen Smartphones im August auch alles danach aus. Händler und Privatleute haben das Galaxy Note 7 millionenfach vorbestellt. Wenige Tage nachdem Samsung die Geräte weltweit an seine Kunden verschifft hatte, zeichneten sich jedoch „Qualitätsprobleme“ ab. Schnell folgten in den sozialen Netzwerken Bilder von völlig verkokelten Note-7-Einheiten. Das Gerät schien sich in einigen Fällen selbst zu entzünden.

Was zunächst nach einem schlechten Scherz aussah, entpuppte sich für Samsung schnell zu einem gewaltigen Albtraum. Zwar war nur ein Bruchteil der Phablets von Hitzeproblemen durch fehlerhafte Akkus betroffen. Das genügte allerdings, um die ersten Einheiten des Galaxy Note 7 zurückzurufen. Schnell wollte Samsung Vertriebspartner, Mobilfunkanbieter und Privatkunden mit Ersatzgeräten bedienen, und verbaute kurzerhand einen anderen Akku im Galaxy Note 7. Ein Debakel schien abgewendet. Bis erneut ein Foto im Internet die Runde machte.

Flugverbot für Überflieger-Smartphone

Ein Flugpassagier mit ausgetauschtem Note-7-Phablet postete ein Foto eines unschön geschmolzenen Galaxy Note 7 in sozialen Netzwerken. Die ersten Fluggesellschaften sprachen daraufhin ein Verbot für das Samsung-Phablet aus. Zu groß sei die Gefahr an Bord. Das Ende des Note 7 war besiegelt. Weltweit mussten alle Geräte zurück zum Hersteller. Über mehrere Wochen bot Samsung eine Rückrufaktion an, um jedes einzelne Gerät zurückzubekommen. Dennoch weigerten sich einige Besitzer des Note 7, das Gerät in einem eigens dafür entwickelten Sicherheitskarton zurückzusenden. Diesen Geräten hat Samsung aus der Ferne via Software-Update den Garaus gemacht. Das Galaxy Note 7 wurde digital eingeschläfert und war somit unbrauchbar.

Monatelange Fehlersuche

Geschlagene vier Monate hatte Samsung daraufhin mit zahlreichen Experten den Grund für die Akku-Probleme gesucht. Im Januar dieses Jahres haben drei unabhängige Prüforganisationen ihre Ergebnisse veröffentlicht. Neben den beiden Organisationen UL und Exponent, war auch der deutsche TÜV Rheinland maßgeblich an der Ursachenforschung beteiligt.

Die Ergebnisse deuten einheitlich darauf hin, dass die verbauten Akkus im Galaxy Note 7 nicht die Qualitätsstandards erfüllt hatten. Weder die Akkus der Samsung-Tochterfirma SDI noch die Austausch-Akkus des Batterieherstellers ATI waren angemessen verarbeitet. Die Lithium-Ionen-Akkus, die Samsung zuerst verwendete, wiesen Schäden am Isoliermaterial rund um die Kathode auf. Des Weiteren war das verwendete Isoliermaterial zu dünn und der Akku hatte generell zu wenig Platz im Note-7-Gehäuse. Die Folge dieser teuflischen Mischung waren Kurzschlüsse und eine darauf folgende Hitzeentwicklung. Diese hatte in manchen Fällen bis zur Selbstentzündung des Akkus geführt.

Samsung Akku-Testcenter nach Galaxy Note 7 Debakel
Image by Samsung

Übereilter Launch?

Samsung hätte sich einen Gefallen damit getan, den verbauten Ersatz-Akku der ersten Rückrufaktion akribisch auf Qualitätsstandards zu untersuchen. An diesem Punkt hat möglicherweise ein übereilter Launch-Plan dafür gesorgt, dass genau dies nicht geschehen ist. Der Untersuchungsausschuss der Prüforganisationen konnte bei den ATI-Akkus ähnliche Mängel feststellen, wie bei den SDI-Akkus. Hinzu gesellten sich ungewöhnlich hochstehende Schweißpunkte und teilweise fehlendes Isolierband am Akku. Durch die beschädigte Beschichtung der Anoden im Akku konnte sich zudem Lithium ansammeln.

Am Ende brach den ATI-Akkus wohl die ungenügende Schweißqualität das Genick. Das ist verwunderlich. Denn es ist kein Geheimnis, dass besonders Lithium-Ionen-Akkus sehr empfindlich sind. Bereits aufgrund minimaler Fehler in der Bauweise können sie Schäden davon tragen und sich überhitzen. Da Lithium-Ionen-Akkus sich zudem während des Ladens ausdehnen und zusammenziehen, benötigen die sensiblen Bauteile etwas Spielraum im Gehäuse. Da der Markt immer dünnere Smartphones verlangt, ist das kein einfaches Unterfangen.

Das hat Samsung aus dem gescheiterten Note 7 gelernt

Der Prüfausschuss kam zu dem abschließenden Ergebnis, dass nicht die technische Bauweise des Galaxy Note 7 Schuld am Debakel trug. Tatsächlich waren beide Akku-Einheiten mangelhaft verarbeitet. Samsung hat sich bis heute nicht geäußert, wie das Unternehmen die Akkuqualität des Galaxy Note 7 überprüft hat. Stattdessen hat DJ Koh, Präsident Mobile Communications Business bei Samsung, drastische Maßnahmen angekündigt, um ein ähnliches Akku-Debakel künftig zu verhindern.

Einen seitenlangen Plan, was sich ab sofort im Qualitätsmanagement ändern wird, veröffentlichte Samsung im Rahmen der Pressekonferenz zu den Ergebnissen der Prüforganisationen. Dazu gehört ein vierköpfiger Beirat, bestehend aus drei US-Professoren und einem renommierten Consulter. Dieser hat bereits neue Sicherheitsprotokolle entwickelt, die bei der Entwicklung und Materialauswahl von Sasmung-Smartphones greifen sollen.

Kein Schutz vor Bedienfehlern

Im technischen Bereich will Samsung zudem seine Gehäuse verbessern und bei allen künftigen Geräten einen Sicherheitsrahmen verbauen. Dieser soll eine Beschädigung des Akkus verhindern. Es sei allerdings angemerkt, dass auch besagter Rahmen das Note-7-Debakel nicht hätte abwenden können. Denn solche Schutzvorrichtungen helfen nur gegen einen Teil von Widrigkeiten, nämlich gegen Verbraucherfehler. Dazu zählen falsches Aufladen, Aussetzen starker Temperaturen und Fallschäden. Mehr Smartphone-Platz im Gehäuse ist allerdings eine Maßnahme, die sich tatsächlich präventiv auswirken kann.

Samsung hat außerdem angegeben, dass die Ladesoftware in allen künftigen Geräte ebenfalls einer strengeren Qualitätskontrolle unterzogen werden soll. Dazu gehört die Verbesserung von Sicherheitsparametern hinsichtlich Stromstärke, Temperatur und Ladedauer. Samsung will ein Desaster wie im Fall des Note 7 nie wieder erleben. Um diesem Bestreben noch mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen, hat Samsung außerdem einen sehr aufwendigen Acht-Punkte-Akku-Sicherheitscheck entwickelt.

Acht Maßnahmen gegen ein erneutes Desaster

Samsung hat acht konkrete Punkte vorgestellt, mit der seit Anfang dieses Jahres verbaute Akkus in Samsung-Smartphones, wie etwa dem S8A5 und vermutlich auch dem Tablet Tab S3, ganz genau unter die Lupe genommen werden sollen. Dazu zählt zuallererst ein Ausdauer-Test, bei dem Techniker die Lithium-Ionen-Akkus stichprobenartig Überladung, extremen Temperaturen und punktueller Bearbeitung durch Nadeln aussetzen. Im darauffolgenden Schritt werden die malträtierten Akkus einer visuellen Inspektion unterzogen, die Auskunft über die Robustheit der Energiespeicher geben soll.

Ein groß angelegter Ladungs- und Entladungstest soll laut Samsung auf eine intensive Untersuchung durch Röntgenstrahlen erfolgen. Was bereits nach überragender Qualitätskontrolle aussieht, ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. Der fünfte Punkt im Acht-Punkte-Plan sieht den TVOC-Test (Total Volatile Organic Compound). Hier steht die physische Beschaffenheit des Lithium-Ionen-Akkus im Fokus. Untersucht wird, ob die Flüssigkeit des Energiespeichers, also seine chemischen Bestandteile, aus dem Akku entweichen können. Hierfür ist außerdem die Überprüfung des Isolationsmaterials und dessen Qualität von großer Bedeutung. Um diese geht es im sechsten Schritt.

Samsung stellt nach Galaxy Note 7 Debakel Acht-Punkte-Akku-Plan vor
Image by Samsung

Qualitätsprüfung soll Alltag besser widerspiegeln

Um den Alltagsansprüchen Rechnung zu tragen, folgt die Simulierung unterschiedlicher Szenarien. Dazu zählen das Herunterfallen, extreme Temperaturen, anspruchsvolle Software oder stundenlanges Aufladen. Abschließend will Samsung die Lithium-Ionen-Akkus einem sogenannten DOCV-Test (Delta Open Circuit Voltage) unterziehen. Hier wird festgestellt, ob der Smartphone-Akku die geladene Energie überhaupt gleichmäßig an die Hardware-Komponenten abgibt.

Allein, dass Samsung die Alltagsszenarien über knapp zwei Wochen hinweg testet, verdeutlicht den Aufwand des neuen Programms. Man möchte auf Nummer sicher gehen. Zumindest, bis der neueste Schrei der Akku-Technik marktreif ist: Der Festkörper-Akku.

Samsung arbeitet an Akku-Revolution

Als sei es nun endgültig Chefsache, will Samsung über die eigene Tochterfirma SDI einen Akku entwickeln, der alle Probleme löst. Gegenüber dem News-Portal The Korea Herald hat ein hochrangiger Samsung-Mitarbeiter, der nicht beim Namen genannt werden möchte, bestätigt, dass der Konzern an einer neuen Akku-Technologie arbeite.

Der sogenannte Festkörper-Akku sei dabei deutlich flacher und weniger empfindlich, als der Standard-Lithium-Akku. Das liegt vor allem daran, dass Elektroden und Elektrolyt des Energiespeichers Feststoffe und nicht etwa Flüssigkeiten sind. Die neuen Akkus sind zudem feuerfest und müssen im Gegensatz zu Lithium-Ionen-Akkus nicht mit einem Kühlsystem ausgestattet sein. Das ermöglicht eine wesentlich dünnere Bauweise.

Der neuartige Akku könnte Samsung ermöglichen, den Smartphone-Markt einmal mehr zu revolutionieren. Kleinere Gehäuse und noch dünnere Smartphones wären möglich. Laut Samsung-Mitarbeiter muss sich die Technikwelt noch ein bis zwei Jahre bis zur Marktreife des Festkörper-Akkus gedulden. Nun steht also erst mal das neue Samsung Galaxy Note 8 mit Lithium-Akku an.

Das soll das Galaxy Note 8 bieten

Bislang existieren zum Galaxy-Note-7-Nachfolger, dem Galaxy Note 8, noch keine offiziellen Daten. De facto fest steht jedoch, dass Samsung das Galaxy Note 8 am 23. August 2017 um 17 Uhr deutscher Zeit in New York vorstellen wird. Die von Samsung verschickte Einladung verrät nichts Konkretes. Eine stilisierte Zeichnung weist jedoch Ähnlichkeiten zum Infinity-Display-Grafik des Galaxy S8 auf. Alles deutet daraufhin, dass Samsung auch beim neuen Galaxy Note 8 das ansehnliche gebogene Display des S8 verbaut. Außerdem ist ein Objekt zu sehen, das an den S Pen, also den Digitalstift von Samsung erinnert.

Vor der offiziellen Präsentation von Smartphones streuen auf Leaks spezialisierte Experten wie Evan Blass bereits ihre Prognosen, was Technik und Design des Geräts angeht. Neben mutmaßlichen Renderbildern des Note 8 (siehe unten) gibt es auch einige interessante Thesen zu den technischen Spezifikationen, die das neue Top-Phablet mitbringen soll. Es könnte mit einem Snapdragon-835-Prozessor von Qualcomm und 6 GB Arbeitsspeicher ausgestattet sein. Das Galaxy Note 8 soll über drei Speichergrößen für Daten verfügen: 64 GB, 128 GB und 265 GB. Für das 128-GB-Gerät sollen laut den Spekulationen mindestens 1.100 Dollar fällig werden. Das Galaxy Note 8 würde sich somit in die Einführungspreise des Apple iPhone 7 Plus reihen.

Ein wenig Schützenhilfe für Bixby

Weitere selbsternannte Experten sprechen außerdem von innovativen Bluetooth-Kopfhörern, die dem Note 8 beiliegen sollen. Das wäre nicht verwunderlich, da Samsung seinen (halbfertigen) Sprachassistenten Bixby weiter pushen möchte. Die Bluetooth-Kopfhörer sollen nämlich Samsungs smarten Assistenten unterstützen können.

Samsung Galaxy Note 8
Image by Evan Blass

Das Galaxy Note 8 tritt ein schweres Erbe an. Es bleibt zu hoffen, dass der verbaute Akku diesem Druck standhalten kann.


Images by Samsung; Even Blass


About Julia Froolyks
Technikjournalistin und leidenschaftlicher Fan von Marktneuheiten. Neben Mobilfunk und Smartphones hegt sie eine innige Beziehungen zu Datenschutz und Cyber Security.