Nokia 8 im Test: High-End-Technik zum kleinen Preis

Die rasante Entwicklung im Smartphone-Bereich brachte in den letzten Jahren so manchen etablierten Telefon-Hersteller ins Straucheln. Noch vor zehn Jahren fragte das Forbes Magazin, wer dem finnischen Unternehmen Nokia Paroli bieten könne. Zwar startete Nokia mit Android-Geräten einen Neuanfang. Doch der Erfolg war nicht nachhaltig. Deshalb gingen die Markenrechte über Umwege an die Firma HMD Global, hinter der unterem anderem ehemalige Nokia-Leute stehen. Auch wenn ihnen mit der Neuauflage des Handy-Ziegelsteins Nokia 3310 ein PR-Coup gelang, ist das nicht der Schwerpunkt des Geschäftsmodells. In gut ausgestatteten Android-Smartphones zum relativ schlanken Preis sieht HMD Global die Zukunft der Marke Nokia. Geht die Rechnung auf? Nachdem ich es bereits im Hands-on vorgestellt hatte, habe ich das diesjährige Flaggschiff Nokia 8 in den letzten Wochen auf Herz und Nieren getestet.

Nokia 8 bietet minimalistisches Design und hochwertiges Alu-Gehäuse

HMD Global entschied sich in punkto Design für eine Trendwende. Vorbei sind die Zeiten in denen billiger Kunststoff zwischenzeitlich die Rückseite der Android-Geräte von Nokia dominierte. Die neuen Modelle sind mit einem hochwertigen Gehäuse oder zumindest mit einem Rahmen aus Metall ausgestattet, das sehr clean wirkt. Als Flaggschiff ist das Nokia komplett in Aluminium eingehaust. Das sieht ziemlich gut aus. Lediglich die beiden dicken Antennenstreifen sind nicht mehr zeitgemäß. Mit Maßen von 151 x 74 x 7,9 Millimetern liegt es exzellent in der Hand und ist mit einem Gewicht von 160 Gramm angenehm leicht. Leider besitzt das Gerät lediglich eine IP5X-Zertifizierung und ist somit nicht wasserdicht.

Neben dem 5,3 Zoll großen Display finden sich auf der Vorderseite die kapazitiven Tasten sowie ein Fingerabdrucksensor. Er dient gleichzeitig als Home-Button. Oberhalb der Anzeige integriert HMD Global die Frontkamera, die Hörmuschel sowie der Nokia-Schriftzug. Eine Benachrichtigungs-LED fehlt leider. Linker Hand können SIM- sowie microSD-Karte eingesetzt werden. Auf der rechten Seite befinden sich wie üblich Lautstärke-Wippe und Power-Knopf. Beide sind gut erfühlbar und bieten einen sehr guten Druckpunkt.

Nokia 8 Seitenansicht
Das Nokia 8 ist mit 7,9 Millimeter angenehm dünn. Image by Jonas Haller

Die Rückseite ziert neben einem weiteren Nokia-Logo die Dual-Kamera mit Zeiss-Lizenzierung sowie ein Mikrofon. Auf der Oberseite integriert der Hersteller einen nicht mehr üblichen 3,5-mm-Klinkenanschluss. Symmetrie-Fans dürfte die nicht zentrale Anordnung negativ aufstoßen. Für die Daten- und Energieübertragung befindet sich auf der Unterseite ein USB-C-Anschluss. Außerdem integriert HMD Global dort seinen Hauptlautsprecher sowie ein weiteres Mikrofon.

Scharfes 2K-Display mit Schwächen bei der Blickwinkelstabilität

Eine insgesamt überdurchschnittliche Leistung serviert der Hersteller beim Display. Das IPS-Panel ist 5,3 Zoll groß und liefert eine scharfe Auflösung von 2.560 x 1.440 Pixel. Per Motion-Sensor aktiviert sich die Always-On-Anzeige und präsentiert Uhrzeit und verpasste Anrufe oder Nachrichten. Zum Schutz vor Kratzern kommt Gorilla Glass 5 zum Einsatz. Während Auflösung und Helligkeit lobenswert sind, muss sich HMD Global vor allem Kritik bei der Blickwinkelstabilität gefallen lassen. Bei einem flachen Blickwinkel ist ein Rotstich des Displays sichtbar. Das ist allerdings alles Meckern auf hohem Niveau. Dem normalen Kunden werden diese Dinge kaum auffallen.

Nokia 8 IPS-Display
Das verbaute IPS-Display hinterlässt einen guten Eindruck. Image by Jonas Haller

Keinen Grund für Beanstandungen gibt der verbaute Octa-Core-Prozessor vom Typ Qualcomm Snapdragon 835. Der aktuelle High-End-Chip taktet mit bis zu 2,45 GHz und bietet dank 4 GB Arbeitsspeicher ein flüssiges Nutzungserlebnis. Selbst ressourcenintensive Anwendungen und Spiele laufen ohne Probleme. Im AnTuTu-Benchmark landete das Nokia 8 mit 176.400 Punkten im Bereich von HTC U11 und Samsung Galaxy Note 8. Der Geekbench Multi-Core-Test lieferte einen Wert von phänomenalen 6589 Punkten. Damit liegt der Bolide vor Samsung Galaxy Note 8 und Galaxy S8. Intern können 64 GB an Daten und Apps gespeichert werden. Per microSDXC lässt sich der Speicher um bis zu 256 GB erweitern.

Kamera mit Bothie-Funktion aber nur durchschnittlicher Bildqualität

Seit etlichen Jahren kooperiert Nokia schon mit dem Linsenhersteller Zeiss. Der Hersteller HMD Global setzt diese Zusammenarbeit fort und integriert ein entsprechendes Dual-Modul mit einer Auflösung von jeweils 13 Megapixel. Wie etwa auch beim Huawei Mate 10 Pro liefert ein Sensor farbige RGB-Informationen, der zweite Sensor hebt mittels Monochrom-Sensor die Schärfe an. Die f/2.0-Blende soll für lichtstarke Aufnahmen sorgen.

Im Test zeigten sich allerdings deutlich Schwächen bei der Ausleuchtung und dem Autofokus. Der HDR-Modus lieferte schlechtere Ergebnisse als etwa die Konkurrenz von HTC. Die Auslöse-Verzögerung sorgt für Frust. Das wird vor allem bei schummrigen Licht deutlich. Dann kann es schon mal die ein oder andere Sekunde dauern bis der Schnappschuss im Kasten ist. Das ist mehr als ärgerlich. Videos zeichnet das Modul wahlweise in 4K-Auflösung mit 30 Bildern pro Sekunde oder in FullHD mit 60 Bildern pro Sekunde auf. Vor allem letztere Option lieferte eine gute Qualität.

Nokia 8 Testbild
Sowohl Haupt- als auch Frontkamera können dank Bothie-Funktion zeitgleich genutzt werden. Screenshot by Jonas Haller

Auf der Frontseite kommt ein 13-Megapixel-Kameramodul zum Einsatz. Die geschossenen Selfies sind allerdings nur durchschnittlich. Überzeugender sind da schon die Zusatzfunktionen in der Kamera-App. Erstmals können Bildinformationen von Front- und Rückkamera zeitgleich in 4K-Auflösung aufgezeichnet werden. Das Ganze funktioniert auch live per Stream auf Facebook oder YouTube. Mit dem richtigen Mobilfunkvertrag lassen sich so die eigenen Erlebnisse in Echtzeit mit Freunden und Fans teilen. Ein spannendes Feature.

3D-Audio sorgt für klare Tonaufnahmen

Mindestens ebenso wichtig wie ein gutes Bild ist für Videoaufnahmen ein guter Ton. Das Nokia 8 ist deshalb mit der Audio-Technik der 360-Grad-Kameras von Ozo ausgestattet und bietet diverse Einstellungsmöglichkeiten. Entweder man aktiviert die Mikrofone parallel oder eben getrennt. So kann etwa das für das eigene sichtbare oder meine eigene Stimme verstärkt werden. Das funktionierte im Test zuverlässig und lieferte ähnliche Ergebnisse wie ein Richtmikrofon. Eine besonders interessante Funktion für Journalisten und Blogger.

Die Wiedergabe auf dem Smartphone selbst ist allerdings eher Krampf als Freude. Denn wie etliche andere Mitbewerber auch spart HMD Global an der Soundqualität des Hauptlautsprechers. Der überspitzt wie so häufig die Höhen und lässt Tiefen vermissen. Dafür ist die Lautstärke ganz ordentlich.

Nokia 8 Ansicht von oben und von unten
Auf der Oberseite findet sich ein 3,5-mm-Klinkenanschluss, unten der Mono-Speaker. Image by Jonas Haller

Ultraflüssiges Nutzungserlebnis durch pures Android

Auf dem Nokia 8 kommt das Google-Betriebssystem in Version 7.1.1 Nougat in seiner reinsten Form zum Einsatz. Das heißt auf eine eigene Nutzeroberfläche verzichtet der Hersteller. Dadurch ist die Software zum einen sehr schlank. Drittanbieter-Apps sucht man abgesehen von Kamera- und der Support-Anwendung vergebens. Zum anderen landen vor allem Sicherheits-Updates innerhalb von wenigen Tagen auf dem Smartphone. Auch der Rollout der neuen Android-Version 8.0 Oreo hat bereits begonnen. Für mein Testgerät gab es allerdings bis dato noch keine Freigabe.

Besonders beeindruckend war das flüssige Nutzungserlebnis mit der Stock-Software. Das Design ist konsistent und die hübschen Animationen laufen ultraflüssig. Auch das Öffnen von Apps geht schnell von der Hand. Als verwöhnter HTC-Nutzer hätte ich mir nur eine Gruppierungsfunktion der Anwendungen im App-Drawer gewünscht. Ansonsten wird’s für Power-User schnell unübersichtlich.

HMD Global setzt auf ein reines Android-Erlebnis. Screenshots by Jonas Haller

Das schlanke Android-System geht zudem sehr schonend mit den vorhandenen Energieressourcen um. Mit 3.090 mAh bietet der Akku zwar nur eine durchschnittliche Kapazität, versorgt das Nokia 8 allerdings zwei Tage ohne Probleme mit Strom. Hut ab vor dieser Leistung. Die vollständige Ladezeit per mitgelieferten Quick-Charge-Netzteil beträgt rund zwei Stunden.

Fazit Nokia 8: Preiswertes Flaggschiff mit Kamera- und Audio-Schwächen

Mit dem Nokia 8 kommt die finnische Marke erstarkt auf den Smartphone-Markt zurück. Auch wenn der Bolide unter neuer Flagge läuft, kommt das Gerät mit den typischen Tugenden Schlichtheit, Innovation und Performance daher. Das minimalistisch, schlichte Design gefällt mir persönlich sehr. Die mausgraue Farbe ist allerdings wie so vieles Geschmackssache. Das scharfe IPS-Display, der schnelle Prozessor, das schlanke Betriebssystem sowie die lange Akkulaufzeit sind Stärken des Gerätes.

Negativ fällt indessen die Kamera auf. Die Testaufnahmen zeigen platte Farben und der Fokus arbeitet unzuverlässig. Zudem verzögert der Auslöser besonders bei schlechten Lichtbedingungen spürbar. So richtig Zeiss ist das nicht. Da kann auch die neue Bothie-Funktion mit 3D-Audio nicht die Kohlen aus dem Feuer holen.

Für aktuell 429 Euro ist das Nokia 8 das preiswerteste Android-Flaggschiff auf dem Markt. Neben silber bietet HMD Global das Telefon auch in blau und braun an. Wer über die kleinen Schwächen hinwegsehen kann, bekommt ein schickes und schnelles Smartphone mit aktuellem Prozessor und zweijähriger Updategarantie.


Images by Jonas Haller


About Jonas Haller
Jonas ist technikbegeisterter Leichtbaustudent an der Technischen Universität in Chemnitz. Er sammelt gern Erfahrungen mit neuer Hardware sowie innovativen Technologien und lässt andere daran teilhaben. Durch den Techblog „HTC Inside“ ist er zum Bloggen gekommen. Zwischendurch war er auch für das „Android Magazin“ aktiv. Privat schreibt er auf jonas-haller.de über die Dinge und Geschichten in seinem Leben, die er berichtenswert findet.