Wir brauchen keine Gimmicks, sondern bessere Smartphone-Kameras

Es gibt viele Android-Geräte, die gute bis vorzügliche Smartphone-Kameras besitzen – doch immer müssen sie sich an der iPhone-Kamera messen lassen und kommen selten ran. Doch statt sich auf dieses Ziel zu konzentrieren, kommen Hersteller immer wieder mit Kamera-Gimmicks vom Weg ab.

Die Qualität von Smartphone-Kameras ist in den vergangenen Jahren so stark gestiegen, dass die dedizierten Point-and-Shoot-Kameras immer seltener werden und die Branche ins Straucheln kommt. Doch viele Hersteller setzen eben nicht nur auf bessere Bildsensoren, mit höherer Auflösung, sondern immer öfter auch auf Gimmicks, wie zwei oder gar drei Kameras auf der Geräterückseite. Natürlich sind diese neuen Technologien im ersten Moment beeindruckend, aber letztendlich nutzt man sie doch maximal drei Mal, um damit zu prahlen und danach nie wieder.

Apple schafft, was Android-Herstellern nicht gelingt

So ungern ich es auch zugeben mag, die Kamera des iPhone weiß mit jeder Iteration erneut zu begeistern und neue Maßstäbe zu setzen – und das gänzlich ohne Gimmicks. Sie besticht nicht nur durch eine hervorragende Bildqualität, der schnelle und zielsichere Autofokus macht es zudem unheimlich schwer, schlechte Aufnahmen zu produzieren. Gimmicks wie eine zweite Kamera um den Fokuspunkt nachträglich zu setzen, sucht man beim iPhone vergebens. Apple konzentriert sich nach wie vor auf das Wesentliche. Anders als die Hersteller von Android-Smartphones.

HTC hatte mit dem One M7 eine neue Sensortechnologie namens Ultrapixel eingeführt. Die Idee ist so simpel wie genial: Der Sensor besitzt weniger Pixel, die dafür aber umso größer sind. Dadurch kann der Sensor mehr Licht aufnehmen und besonders unter schlechten Lichtverhältnissen bestechende Aufnahmen machen. Soweit die Theorie – in der Praxis musste man leider schnell feststellen, dass diese Technologie noch nicht ganz ausgereift ist.

HTC: Aus einer werden zwei Smartphone-Kameras

Für den Nachfolger hat HTC mit dem HTC One M8 trotzdem an dem gleichen Ultrapixel-Sensor festgehalten, diesen aber durch eine zweite Kamera ergänzt, der Entfernungsinformationen aufnimmt und ein nachträgliches nachfokussieren ähnlich wie bei einer Lytro-Lichtfeldkamera ermöglicht. Die Bildqualität selber wurde davon leider nicht besser.

Mit dem aktuellen HTC One M9 ist das taiwanische Unternehmen von der bisherigen Strategie abgewichen, hat den Ultrapixel-Sensor in die Selfie-Frontkamera verfrachtet und die Hauptkamera mit einem herkömmlichen 20 Megapixel. Zwar wird auf die zweite Gimmick-Kamera verzichtet, im gerade für den chinesischen Markt vorgestellten HTC One M9+ wurde diese allerdings wieder aus dem Hut gezaubert und man fragt sich warum. Das nachträgliche verändern des Fokuspunktes ist Spielkram, ebenso wie die Lytro-Lichtfeldtechnologie zwar spannend, aber bisher noch nicht ausgereift ist.

Intel: Aus zwei werden drei Smartphone-Kameras

Intel geht einen ähnlichen Weg und versucht die Real Sense-Technologie auf den Markt zu drücken. Bisher fanden sich die drei Kameras lediglich in Dells todschicken Venue 8 7000 Tablet, auf der IDF 2015 in Shenzhen hat Intel allerdings auch einen Smartphone-Prototyp mit der Technologie vorgestellt. Bald werden wir also auch Smartphones mit drei Kameras auf der Rückseite zu Gesicht bekommen.

Doch warum? Für die Real Sense-Technologie gibt es zwar auch reale Anwendungsszenarien, doch sind diese eher gering, oder sehr speziell. Man kann zum Beispiel Entfernungen messen, oder die Maße von Gegenständen bestimmen. Doch wie oft benötigt der Durchschnittsnutzer diese Funktion im Alltag? Google hatte mit dem Project-Tango sogar noch einen drauf gesetzt, allerdings ist hier klar, dass die Technologie noch in den Kinderschuhen steckt, weshalb sie auch noch nicht für den Endkunden zugänglich ist.

HTC und Intel sind aber nicht die ersten Hersteller, die mit derartigen Kamera-Gimmicks herumexperimentieren. Neben HTC hatte auch LG bereits Smartphones und ein Tablet mit Dual-Kamera im Angebot, die allerdings für 3D-Aufnahmen gedacht waren. Durchgesetzt hat sich diese Technologie nicht und die Versuchsreihen wurden schnell wieder eingestampft.

Bitte nehmt euch Nokias Lumia-Geräte zum Vorbild

Der bisher wohl mutigste Vorstoß im Bereich Smartphone-Kamera kam ohne Zweifel von Nokia, mit dem Lumia 1020 mit seiner 41-Megapixel-Kamera. Natürlich sind Megapixel alleine nicht alles. Aber das Lumia 1020 konnte, was die Bildqualität anbelangt, auf ganzer Linie überzeugen. Leider konnte sich das Gerät aufgrund von Windows Phone nie richtig durchsetzen.

Neue Technologien allein bringen es nicht

Es scheint, als würden die Hardware-Hersteller derzeit alle nur erdenklichen neuen Technologien rauszuhauen, um zu sehen, ob eine davon kleben bleibt. Leider konzentrieren sie sich dabei zu sehr auf neue Möglichkeiten und Technologien, die oftmals noch nicht ganz ausgereift sind. Ich wünsche mir, dass sie ihre Aufmerksamkeit auf die Qualität der verbauten Kameras verwenden. Eine Konzentration aufs Wesentliche muss her. Das wäre sinnvoller, statt uns Gimmicks vor die Nase zu setzen, die nach drei Mal bereits langweilig geworden sind.


Teaser & Image „Motorola Moto G“ (adapted) by TCM1003 (CC BY-SA 2.0)


About Daniel Kuhn
Daniel Kuhn leitet seit Juni 2015 die Blogs Android4you.de und Appleunity.de. Ansonsten schreibt Wahl-Berliner mit Leib und Seele als freier Journalist für Netzpiloten.de und Androidmag.de.