Kann Google Betriebssystem?

Ende Juli bringt Microsoft mit Windows 10 ein runderneuertes System, dessen Einsatz leicht abgewandelt sowohl auf PC, Notebook, Tablet oder auch Smartphone funktionieren soll. Doch können das die Konkurrenten nicht schon viel länger? Wir haben das Open Source Software-Konzept von Google unter die Lupe genommen und zeigen, inwieweit sich die Systeme Android und Chrome OS ergänzen.

20150614-Toshiba-Chromebook-2-Desktop

Seit etlichen Jahren ist Google Platzhirsch bei den mobilen Betriebssystemen: Rund 74,4% der verkauften Smartphones laufen mit Android, Konkurrent Apple kommt auf 17%. Weiter abgeschlagen ist Windows mit 7,5%. Warum also diese Dominanz nicht auch auf Notebooks ausweiten? – So könnten die Verantwortlichen gedacht haben, als sie vor einiger Zeit mit Chrome OS ein entsprechendes Pendant auf dem Markt brachten. Das Prinzip dahinter sollte so einfach wie genial sein: Kernstück wurde der Chrome-Browser mit all seinen Raffinessen und Kompatibilitäten. Der Fokus liegt also auf Online-Aktivitäten. Nebenher sollte es einen Store geben, der kostenlos die wichtigsten Apps bietet. Gesagt, getan. Seit mittlerweile vier Jahren sind Geräte am Markt verfügbar und immer mehr Hersteller bieten die sogenannten Chromebooks an.

Wie bei einem Produktstart üblich, ließ der Umfang der „Chrome Store“ genannten App-Datenbank stark zu wünschen übrig. Das wurde auch in der darauffolgenden Zeit nicht wirklich besser – im Gegenteil. Meines Erachtens schlich sich immer mehr minderqualitative Software auf die Google-Server, sodass ein Boom ausblieb. Hinzu kommt, dass das System vollumfänglich nur mit WLAN-Verbindung nutzbar ist. Selbst Office-Anwendungen verlinken auf die Online-Versionen. Kein Wunder also, dass die Geräte nur ein Nischendasein fristen. Doch das soll sich laut Google in Zukunft ändern: Im April hat der Konzern begonnen, populäre Android-Anwendungen für das Chrome OS verfügbar zu machen – ein ähnlicher Weg wie bei der Konkurrenz aus Redmond könnte folgen.

Screenshot-Chrome-Store

Die Zauberbuchstaben sind dabei ARC: Android Runtime for Chrome. Lediglich eine App wie der ARC Welder muss aus dem Chrome Store geladen werden. In der aktuellen Betaversion kann ein Android-System in Version 4.4 emuliert und dementsprechende lassen sich Apps im APK-Format installieren. Leider ist der Download der Anwendungen recht umständlich, da Google selbst seine Android-Software über den bekannten Play Store an den Mann oder die Frau bringen will. Sind die Apps geladen, können sie je nach Belieben mit Hilfe des Emulators geöffnet werden. Leider ist das parallele Nutzen mehrerer Anwendungen dabei nicht möglich. Außerdem treten auf den schwachbrünstigen Chromebooks wie dem aktuellen Toshiba-Gerät schnell unschöne Ruckler auf, längere Ladezeiten nach jedem Beenden vermiesen einen performanten „Workflow“. Grund dafür ist, dass die Paketdateien nicht installiert, sondern lediglich ausgeführt werden. Das heißt natürlich auch, dass innerhalb der Anwendung keine Einstellungen gespeichert werden können.

Besonders problematisch ist jedoch, wenn die Anwendungen nicht ausgeführt werden können – wie am Beispiel „Clash Of Clans“. Sicher ist es nicht wirklich überlebensnotwendig, einmal auf das Lieblingsspiel verzichten zu müssen, jedoch setzt sich das bei Produktiv-Apps wie Quick Office fort – und das ist ärgerlich. Dann werden zusätzlich Google Dienste benötigt, die ebenfalls erst per APK auf dem Chromebook landen – und nicht parallel ausgeführt werden können. Ein Teufelskreis.

Screenshot-Quick-Office-ARC-Welder

Das vollmundige Versprechen seitens Google besitzt also den ein oder anderem Haken. So ist die APK-Installation im Betastatus nur als eine Art Workaround anzusehen, der von einer Menge Bugs und Problemen begleitet wird. Den Entwicklern bleibt also noch etwas Arbeit, um die beiden Systeme an die Gegebenheiten anzupassen. Potenzial gibt es zu genüge: Die Android-Apps sind qualitativ hochwertig, zum Großteil bereits für großflächige Tablets angepasst und Menüs sowie Steuerungen intuitiv. Warum also doppelte Anwendungen in den Chrome Store schaufeln?

Fazit

Es ist ein Trend der Zeit die heimischen Geräte zu vernetzen und per Online-Dienst Einstellungen und Dateien zu spiegeln, um die Produktivität zu erhöhen. Google wollte im Jahr 2011 mit den Chromebooks genau diese Tendenz forcieren und vor allem in Sachen Schlichtheit punkten – doch der Schuss ging nach hinten los. Die Entwicklung des Chrome OS stagniert und mittlerweile sind die Konkurrenten Apple und Microsoft den einen oder anderen Schritt voraus. Schade, denn vor allem im Smartphone-Segment ist Google der Platzhirsch. Das Potenzial könnten die Experten aus Mountain View deutlich besser nutzen, um auch im Tablet- und Notebookbereich eine ernsthafte Alternative zu bieten. Native APK-Unterstützung wäre ein erster Schritt. Bis dahin lohnt sich das Google-System nur für Fanboys und Dauer-Onliner, die sich auch mit wenig internem Speicher zufrieden geben können und mit ihrem Notebook nur ‚Basis‘-Aufgaben abarbeiten wollen.

Nutzt ihr ein Chromebook bzw. würdet ihr euch eines zulegen? Und was denkt ihr: Wird Google über kurz oder lang die beiden Betriebssysteme Android und Chrome OS zusammenlegen?

About Jonas Haller
Jonas ist technikbegeisterter Leichtbaustudent an der Technischen Universität in Chemnitz. Er sammelt gern Erfahrungen mit neuer Hardware sowie innovativen Technologien und lässt andere daran teilhaben. Durch den Techblog „HTC Inside“ ist er zum Bloggen gekommen. Zwischendurch war er auch für das „Android Magazin“ aktiv. Privat schreibt er auf jonas-haller.de über die Dinge und Geschichten in seinem Leben, die er berichtenswert findet.