Gigaset ME: Gelungener Quereinstieg mit leichten Schwächen

Gigaset dürfte den meisten Lesern noch als Hersteller von Festnetztelefonen ein Begriff sein. Nun hat die ehemalige Siemens Tochter auch den Quereinstieg auf den Smartphone-Markt gewagt. Wir haben das Gigaset ME einem Kurztest unterzogen und schauen, ob der Schritt geglückt ist.

Kurz vor der IFA hat Gigaset eine kleine Bombe platzen lassen und völlig überraschend drei Smartphone-Modelle angekündigt. Nun sind diese im Handel erhältlich und wir haben das mittlere Modell, das Gigaset ME kurz angetestet um zu sehen, ob der Hersteller seine Expertise auf dem Festnetztelefonmarkt auch im Mobile-Bereich ausnutzen kann.

Schlüpfriger Schick

Das Gigaset ME ist schick. Sehr sogar. Auch wenn das Smartphone, wie viele andere dem recht typischen iPhone-inspirierten Design folgt, muss man Gigaset attestieren, dass dies in diesem Fall sehr gelungen ist. So elegant das Gigaset ME sich allerdings auch präsentiert, ganz ohne Kritik kommt es nicht aus. Wie bei moderner Architektur ist die Kombination aus Stahl und Glas Geschmackssache – Haptisch fühlt sich zwar alles sehr hochwertig (wenn auch etwas kalt) an, aus praktischer Sicht handelt sich das Gigaset ME aber vor allem für die Rückseite aus Glas einige Minuspunkte ein. Sie sorgt zum einen dafür, dass das Smartphone sich wenig griffig anfühlt und nicht nur manchmal aus der Hand, sondern auch von so ziemlich jeder glatten Oberfläche, auf der es liegt, rutscht. Ein Schutz-Case gegen die zusätzliche Bruch- und Rutschgefahr ist also unerlässlich.

Dass die Glasfront komplett geschlossen ist, begeistert zwar auf Anhieb, da dies zu dem schicken Eindruck des Gerätes beiträgt, allerdings geht das Fehlen der Aussparung der Hörermuschel zu Lasten der Gesprächsqualität. Mir ist es im Laufe mehrerer längerer Telefonate nicht gelungen, eine optimale Position am Ohr zu finden.

Gigaset ME Rückseite

Gut ausgestattet

Was die technische Ausstattung betrifft, spielt das ME souverän in der Oberklasse mit. Ein Snapdragon 810 (v2.1) sorgt zusammen mit 3 GB RAM für mehr als genug Leistung. Der verbaute Speicher von 32 GB lässt sich per microSD-Karte erweitern – dabei setzt Gigaset auf die gleiche Lösung wie Huawei und Honor: Der Schlitten für die SIM-Karte bietet Platz für entweder eine Speicherkarte oder für eine zweite SIM-Karte.

Der Akku ist mit 3.000 mAh sehr üppig bemessen und kann auch durch entsprechend lange Laufzeiten glänzen. Im Testzeitraum waren bei meiner normalen Nutzung (diverse Instant Messenger, Social Network-Apps, E-Mails, einige Telefonate, gelegentliche Fotos und immer wieder unterwegs Musik) im Schnitt rund 27 Stunden drin, bevor das Gerät wieder an die Steckdose musste, wo es dank Quick Charge nicht lange verweilen muss, bevor der Akku wieder voll ist. An diese wird es übrigens per USB Type C-Stecker angeschlossen – zwar ist es schön, dass hier schon auf den neuen Standard gesetzt wird, allerdings bedeutet dies auch, dass man momentan immer ein eigenes Ladegerät bzw. Kabel mitnehmen muss, da diese in der freien Wildbahn noch recht selten anzutreffen sind.

Gigaset-ME-USB-C

Was fürs Auge?

Das 5 Zoll Display des Gigaset ME löst mit 1920 x 1080 Pixeln auf und bietet daher eine sehr ordentliche Pixeldichte von 443 ppi. Aber nicht nur bei der Pixelmenge, auch bei der Bildqualität kann sich das IPS-Panel des Gigaset ME durchaus sehen lassen.

Weniger Begeisterung kommt allerdings bei der Kamera auf. Diese bietet zwar 16 Megapixel und eine f2.0-Blende, die eine gewisse Lichtstärke erhoffen lässt – in der Praxis gibt es aber wenig Grund zur Begeisterung. Der Autofokus ist zwar erfredulich schnell, doch ein halbwegs scharfes Bild zu schießen ist trotzdem sehr schwierig. Zudem wirken die Bilder generell etwas blass und flach. Die Farben weichen mitunter stark von den Motiven ab und lassen deutlich Intensität vermissen.

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Noch schlimmer werden die Ergebnisse bei schlechten Lichtverhältnissen. Hier kommt nicht nur gewaltiges Rauschen ins Spiel, zudem hat der schnelle Autofokus noch größere Probleme das Motiv zu fixieren, so dass man eine Menge verrauschter und unscharfer Fotos erhält.

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Die 8-Megapixel-Frontkamera hat leider mit den gleichen Problemen zu kämpfen. Diese könnten sich wahrscheinlich durch ein Software-Update beheben lassen, allerdings müssen wir für den Test vom Ist-Zustand ausgehen.

Software

Die Gigaset UI genannte Benutzeroberfläche, die über Android 5.1.1 gelegt wurde, verzichtet, wie auch schon die Emotion UI von Huawei, auf den App Drawer. In iOS-Manier werden die Apps einfach auf den Homescreens abgelegt und lassen sich nur mit Ordnern etwas sortieren. App Drawer ja oder nein ist letztendlich Geschmackssache und lässt sich durch den Einsatz von alternativen Launchern ja korrigieren.

Wie auch schon bei der Emotion UI von Huawei verhält sich die Gigaset UI jedoch recht dominant, gegenüber anderen Launchern und Apps. So ist trotz Aviate Launcher immer wieder nach dem Betätigen der Home-Taste der Gigaset-Homescreen zu sehen. Erst nach einem weiteren Druck auf die Home-Taste erscheint der Launcher der Wahl. Andere Apps leiden ebenfalls unter dem strengen Regime der Gigaset UI. Das Battery Widget Pro z.B. wird immer heimlich still und leise immer wieder beendet und auch die Bedienungshilfen werden immer wieder zurückgesetzt. Letzteres ist vor allem ärgerlich, da die Pebble Watch oder Apps wie etwa LastPass diese Einstellungen benötigen.

So ist man also genötigt, immer wieder den Umweg über die Einstellungen zu gehen, oder diese Anwendungen gar nicht mehr zu nutzen. Ein Update auf Android 6.0 hat Gigaset zwar bereits bestätigt, wann dieses kommen wird, steht allerdings noch in den Sternen.

Die Kür

Soweit hat sich das Gigaset ME recht solide in den Pflichtdisziplinen geschlagen. In der Kür hat es auch noch etwas mehr zu bieten, als einige andere Konkurrenten. Als richtiggehende Alleinstellungsmerkmale reichen diese Features allerdings nicht ganz aus. Zum einen wäre da der Infrarot-Sensor, der das Smartphone in eine Universalfernbedienung verwandelt. Außerdem hat Gigaset auch viel Wert auf Fitness-Features wie etwa einen UV-Sensor oder aber einen Pulsmesser auf der Rückseite gelegt. Auch einen Fingerabdrucksensor hat Gigaset auf der Rückseite des ME verbaut. Und auch wenn dieser verlässlich funktioniert, ist er doch deutlich langsamer als der im Huawei Mate S verbaute Sensor, sodass die Benutzung nur mäßig Spaß macht. Eine PIN ist fast in der gleichen Zeit eingegeben, die es braucht, bis der Bildschirm mit dem Finger entsperrt ist.

Test-Fazit Gigaset ME

Das Gigaset ME ist ein gelungener Einstieg auf den Smartphone-Markt. Es ist ein wirklich gutes Smartphone, das trotz einiger Schwächen den UVP von 469 Euro durchaus rechtfertigt. Ich persönlich bin allerdings trotz schickem Design, hervorragender Verarbeitung und super Leistung nicht so richtig mit dem ME warm geworden. Es ist zwar ein tolles Gerät. Aber so wie die Oberfläche aus Stahl und Glas wirkt das Gerät auch generell ziemlich glatt und kalt und irgendwie sogar ein bisschen langweilig. Es fehlt ihm einfach ein bisschen eigener Charakter. Eine schlechte Wahl ist das Gigaset ME wahrlich nicht. Aber es spiegelt den derzeitigen Status der Branche ganz gut wieder: Es ist nicht schwer, ein gutes Smartphone zu bauen. Eines, dass sich aus der breiten Masse positiv hervorhebt, ist dagegen allerdings umso schwerer.

In der Einsteigerklasse klappt es für Gigaset besser: Das Gigaset GS160 gefällt uns im Test ziemlich gut.


Images by Daniel Kuhn


About Daniel Kuhn
Daniel Kuhn leitet seit Juni 2015 die Blogs Android4you.de und Appleunity.de. Ansonsten schreibt Wahl-Berliner mit Leib und Seele als freier Journalist für Netzpiloten.de und Androidmag.de.