Beam it up! Lenovo Yoga Tab 3 Pro im Test

Wollen sich Hersteller auf dem androiden Tablet-Markt von der Konkurrenz abheben braucht es zwingend Alleinstellungsmerkmale. Der chinesische PC-Spezialist Lenovo setzt dabei mit dem Yoga Tab 3 Pro auf ein 10-Zoll-Gerät mit integriertem Projektor. Kann die Funktion im Alltag überzeugen und wie steht es um inneren Werte? Wir haben das Tablet in den letzten Wochen getestet.

Lenovo dürfte den meisten als Hersteller der Power-Notebooks ThinkPad ein Begriff sein. Doch auch im 2-in-1- und Tabletsegment sind die Hardwareexperten kein unbeschriebenes Blatt. Die Yoga-Baureihe bezeichnet dabei potente Consumer-Gerät mit cleveren Gimmicks und vielseitigen Nutzungsszenarien. So auch das Tab 3 Pro, das mit einem integrierten DLP-Projektor daher kommt.

Verpackung, Design und Verarbeitung

Das Lenovo Yoga Tab 3 Pro kommt in einer perforierten Kartonschachtel daher, die hochwertig anmutet. Im Inneren befindet sich neben dem Tablet selbst ein microUSB-Kabel, ein 2A-Netzteil sowie die üblichen Schnellstartanleitungen. Das Gerät ist mit 247 × 179 × 4,68 mm recht kompakt, ist mit 665 g allerdings kein Leichtgewicht. Auf einer langen Seite befindet sich eine zylinderförmige, 22mm starke Wulst, die den Projektor, einen Teil des Akkus sowie den Kickstand beherbergt. Letzterer bietet die Möglichkeit das Tablet in drei verschiedenen, stufenlosen Positionen zu installieren: Stehend, geneigt und gehängt – dank Langlochbohrung. Hinzu kommt die Greifmöglichkeit. Ähnlich eines Buches kann das Gerät dann gehalten werden. Doch die Wulst ist bei der Bedienung nicht nur vorteilhaft: Beim Halten im Querformat merkt man das deutliche Übergewicht.

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Auf der Vorderseite befindet sich neben dem 10,1-Zoll-Display eine Lautsprecherleiste von JBL sowie eine Frontkamera. Links befinden sich ein runder Powerbutton, eine Lautstärkewippe sowie ein microUSB-Port. Leider verzichtet Lenovo auf den neuen Typ C-Standard. Rechts beherbergt das Yoga Tab 3 Pro den Powerbutton für den Projektor sowie einen 3,5 mm Klinkenanschluss. Unter dem Kickstand befindet sich ein Steckplatz für microSDXC-Karten bis 128 GB. In Sachen Materialwahl braucht sich das Lenovo-Gerät ebenfalls nicht zu verstecken. Es kommt mit einer Rückseite in griffiger Kunstleder-Optik sowie einem soliden Aluminium-Ständer daher. Fingerabdrücke sind kaum sichtbar. Die Verarbeitungsqualität ist sehr gut, bei Krafteinwirkung knirscht nichts.

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Display

Dass die Ingenieure großen Wert auf die Entertainment-Qualitäten gelegt haben, wird schon beim Display klar. Das 10,1 Zoll große IPS-Modul besitzt eine QHD-Auflösung, also 2560 x 1600 Pixel. Die Pixeldichte liegt somit bei 300 ppi. Das Danken beim längeren Nutzen vor allem die Augen, die so deutlich weniger beansprucht werden. Dazu trägt auch der Blaulichtfilter bei, der im Lesemodus automatisch aktiviert wird. Zu bemängeln gilt es jedoch den integrierten Helligkeitssensor. Im Testzeitraum funktionierte er eher schlecht als recht und setzte die Helligkeit oft unverständlicherweise runter. Insgesamt könnte das Panel bei starker Lichteinwirkung heller sein. Bildschirmarbeitern, die das Tablet produktiv im Büro oder Vorlesungssaal einsetzen wollen, dürfte zudem der 16:10-Formfaktor Bauchschmerzen bereiten. Im Test zeigte sich, dass im Gegensatz zum 4:3 oder 3:2-Format eine Menge wertvoller Displayplatz ungenutzt bleibt.

Auch in Sachen Display-Response steht das Gerät der Konkurrenz nach. Zwar setzt Lenovo auf die AnyPen-Technologie, die es ermöglicht mit jedem leitenden Gegenstand wie Kugelschreiber, Schere, oder auch einem Brillenbügel auf dem Bildschirm zu schreiben, allerdings sind die Eingaben unpräzise und werden erst stark verzögert angezeigt. Hier hätten die Chinesen lieber auf einen Digitizer setzen sollen.

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Performance und Speicher

Den Rotstift hat Lenovo vor allem im Inneren angesetzt. Zwar kommt mit dem Intel Atom x5-Z8500 ein aktueller Quad-Core-Prozessor mit einer Taktrate von 1,44-2,44 GHZ zum Einsatz, allerdings sind 2 GB LPDDR3-RAM für ein aktuelles Multimedia-Tablet mit QHD-Auflösung einfach zu wenig. Das macht sich beim Navigieren und Spielen graphisch anspruchsvollerer Games durch starkes Ruckeln bemerkbar. Im AnTuTu-Benchmark 6.0 erreichte das Yoga Tablet 3 Pro respektable 73.370 Punkte und liegt damit im Mittelfeld der Geräte-Generation 2015. Schlechter sieht’s im Grafik-Benchmark GFX-Bench aus: Dort erreicht das Gerät maximal 282 Frames und liegt beispielsweise weit hinter dem Google Nexus 9 zurück (439 Frames).

20160130-Lenovo-Yoga-Tab-3-Pro-AnTuTu-1

Für das Speichern von Apps und Daten verbaut Lenovo 32 GB internen Speicher, die wie bereits angedeutet per microSD-Karte um bis zu 128 GB erweitert werden können. Über den microUSB-Anschluss kann per OTG der Datenaustausch erfolgen. Leider verzichtet der Hersteller auf einen exFAT- geschweige denn NTFS-Treiber, wodurch Speicher mit Dateien über 4GB nicht gelesen werden können. Für USB-Sticks mit handelsüblicher FAT32-Formatierung steht ein leistungsfähiger Dateimanager zur Verfügung, der eine Extra-App aus dem Play Store obsolet macht.

Kamera

Obwohl die Hauptfunktion von Tablets gewiss nicht die Fotografie ist, gehen die Hersteller mit der Zeit und verbauen leistungsstarke Module. Leider nicht bei Lenovo. Die Hauptkamera, die sich in der Projektor-Akku-Wulst befindet, löst mit 13 Megapixel auf. Das mag ordentlich klingen, reicht im Alltag jedoch höchstens für Schnappschüsse. Die Aufnahmen sind dunkel, teilweise verschwommen und lassen in Sachen Schärfe zu Wünschen übrig. Videos können immerhin in FullHD aufgezeichnet werden. Nicht viel besser ist die 5 Megapixel Frontkamera. Für das Skypetelefonat reicht die Qualität jedoch allemal. Bewegtbilder werden auch hier mit einer Auflösung von 1920 x 1080 Pixel aufgezeichnet.

 

Sound

Ein Entertainment-Tablet sollte natürlich auch erstklassigen Sound bieten. Lenovo setzt bei seinem Yoga Tab 3 Pro auf JBL-Stereo-Lautsprecher, die in einer Leiste auf der langen Seite des Geräts verbaut sind. Der wiedergegebene Sound kann sich durchaus hören lassen – er ist besser als bei so manchem Notebook. Externe Lautsprecher ersetzt der Alleskönner damit allerdings nicht. Zur Klangverbesserung gehört Dolby Atmos zum Lieferumfang. In der vorinstallierten App kann zwischen verschiedenen Profilen gewählt werden. Oder man nutzt den Equalizer und konfiguriert nach eigenen Vorlieben. Diese können anschließend gespeichert werden. Für aufgemöbelten 3D-Sound ist ein Surround Virtualizer ist an Bord. Insgesamt könnte jedoch die Maximallautstärke etwas höher sein – vor allem beim Betrachten per Projektor.

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Projektor

Werfen wir nun einen Blick auf das große Alleinstellungsmerkmal des Lenovo-Tablets: den DLP-Projektor. Er löst mit 800 x 480 Pixel auf und soll so auf bis zu 70 Zoll ein vernünftiges Bild liefern. Im Test konnte man sich das ein oder andere Video entspannt betrachten, allerdings kommt der Projektor bei der Textanzeige an seine physikalischen Grenzen. Zwar integriert Lenovo eine Zoom-Automatik, die Inhalte bei der Aktivierung des DLP-Moduls vergrößert, allerdings ist kleiner Text trotz allem kaum lesbar. Ein großer Nachteil für Menschen, die die Projektorfunktion für Powerpoint-Präsentationen nutzen wollen. Hinzu kommt die Grenze bei der Projektor-Helligkeit. Lediglich 50 Lumen bietet das kleine Modul. Zum Vergleich: Aktuelle Standalone-Beamer bieten 2.000 Lumen und mehr. Tagsüber kann man sich den Einsatz also sparen.

Lob gebührt Lenovo für die automatische Bildausrichtung und Trapezkorrektur. Per Gyrosensor erkennt das Gerät die aktuelle Lage und passt das Bild blitzartig an. Leider funktioniert das Ganze nur parallel zur Wand. Insgesamt empfiehlt sich aufgrund der geringen Auflösung möglichst gerade an die Wand zu projizieren, um nicht allzu viele Pixel zu verschenken. Per Drehregler kann der Fokus angepasst werden. Das funktionierte jedoch im Test alles andere als präzise. Auch das Temperaturmanagement sollte Lenovo überdenken. Im Beamer-Einsatz wurde das Gerät sehr warm, fast schon heiß. Lädt man dann noch den Akku, kann es schnell passieren, dass die Steuerung die ohnehin schon geringe Helligkeit des DLP-Projektors weiter drosselt. Wir fanden auch die Position des Pico-Moduls weniger optimal, da im Lesemodus die Hand auf der Oberfläche unschöne Abdrücke hinterlässt.

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Funk und Konnektivität

Für das Laden von Webinhalten ist natürlich eine schnelle Anbindung an das Internet von nöten. Lenovo lässt sich da nicht lumpen und verbaut ein Dual-Band-WLAN-Modul, das über den neuesten Standard ac funken kann. Im Test war die Reichweite sehr gut. Es lässt damit so manches Konkurrenz-Produkt schlecht aussehen. Allerdings kam es auch ein paar Mal vor, dass die Verbindung komplett zusammenbrach. Dann half nur ein Deaktivieren der WLAN-Funktion und anschließendes Aktivieren. Wer mag kann für 100 Euro Aufpreis das LTE-Modell ordern, das mit 150 MB/s Downstream glänzen kann. Für das kabellose Verbinden mit Kopfhörer-Headsets oder Smartwatches steht Bluetooth 4.0 zur Verfügung.

Akku

Eine große Stärke des Yoga Tab 3 Pro ist der verbaute Akku – oder besser die verbauten Akkus. Richtig gelesen: Lenovo integriert in sein Multimedia-Tablet zwei unterschiedliche Energiespender. Das größere der beiden besitzt eine Nennleistung von 6.200 mAh und 23,2 Wh, das kleinere 4.000 mAh und 15,2 Wh. Nach Adam Ries beträgt die Gesamtleistung dann ganze 10.200 mAh. Damit stellt Lenovo einen Großteil der Mitbewerber in den Schatten. Im Tablet-Betrieb sind bis zu 16 Stunden Nutzung möglich, mit Projektor sind ausgezeichnete 4-5 Stunden realistisch. Die Aufladung geschieht dank Schnellladung und leistungsfähigem 2A-Netzteil in nicht einmal 3 Stunden.

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Software

Auf dem Lenovo Yoga Tab 3 Pro kommt Googles mobiles Betriebssystem Android in Version 5.1 zum Einsatz, ein Update auf 6.0 Marshmallow folgt in Kürze. Auf ein eigenes User Interface verzichtet der Hersteller, installiert jedoch die ein oder andere App vor. Zu den nützlichen zählt der „Lenovo-Zeichenblock“, der es ermöglicht Notizen auf dem Screen zu schreiben. Oder auch die „Projektor“-App, über die schnell und unkompliziert auf gespeicherte Dateien zurückgegriffen werden kann. Etwas unnötig sind Store-Apps wie McAfee Security oder auch Netflix. Für den Streaming-Dienst hätte es wenigstens einige Probemonate geben können. Lenovo-Dienste wie SHAREit oder SYNCit HD sind für den Ottonormalanwender ebenso überflüssig.

Positiv hervorzuheben ist die Multi-Window-Funktion. Ähnlich einem Windows-Gerät können ausgewählte Anwendungen zeitgleich mit bereits geöffneten Apps kombiniert werden. Wie beim Software-Konkurrenten aus Redmond werden geöffnete Programme in der Taskleiste angezeigt. Leider können die Fenster in der Größe nicht weiter angepasst werden. Das heißt sie werden entweder als Fenster, das circa ein Drittel des Bildschirms einnimmt, oder als Vollbild angezeigt. Ebenfalls aus der Windows-Welt angelehnt ist die „Intelligente Seitenleiste“, die über einen Wisch vom rechten Rand aufgerufen werden kann. Sie bietet Schnellzugriffe zum „Smart Switch“ (Anzeige- und Audiooptionen), der Projektor-Fokusanpassung sowie zu vier App-Verknüpfungen. Ein nettes Feature, jedoch hätte eine umfangreichere Anpassbarkeit dem Gimmick gut getan.

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Test-Fazit: Lenovo Yoga Tab 3 Pro

Mit dem Yoga Tab 3 Pro hat Lenovo ein Multimedia-Tablet mit Stärken, aber auch einigen Schwächen auf dem Markt gebracht. Zu den Stärken zählen besonders das scharfe Display, der ausdauernde Akku und die JBL-Lautsprecherleiste. Auch die gebotene Vielseitigkeit sucht man bei einem Großteil der Konkurrenz vergeblich. Mit Abstrichen ist der DLP-Projektor ein nettes Gimmick, das allerdings noch einiges Entwicklungspotential bietet. Schwächen hat das Tablet vor allem im Inneren. Die Hardware wie Prozessor und Arbeitsspeicher sind zu schwach dimensioniert. Vor allem beim Ausführen anspruchsvoller Anwendungen und im Multitasking kommt das Yoga Tab 3 Pro an seine Grenzen. Auch mit den beiden Kameramodulen bekleckert sich Lenovo nicht gerade mit Ruhm.

Alles in allem ist das Lenovo-Gerät für aktuell 469 Euro ein ansprechendes Angebot, das für jeden Heimkino- und Entertainment-Fan eine Überlegung Wert sein sollte. Wer allerdings auf den Pico-Projektor verzichten kann und eher Wert auf ein leichtes Alltagsgerät legt, ist bei der (teilweise preiswerteren) Konkurrenz von ASUS, Samsung und Co. besser aufgehoben.

About Jonas Haller
Jonas ist technikbegeisterter Leichtbaustudent an der Technischen Universität in Chemnitz. Er sammelt gern Erfahrungen mit neuer Hardware sowie innovativen Technologien und lässt andere daran teilhaben. Durch den Techblog „HTC Inside“ ist er zum Bloggen gekommen. Zwischendurch war er auch für das „Android Magazin“ aktiv. Privat schreibt er auf jonas-haller.de über die Dinge und Geschichten in seinem Leben, die er berichtenswert findet.