Phonest: Ein Marketingprojekt zum Nachdenken

Nicht nur bei Olympia zählt die Maxime „Höher, schneller, weiter!“. Auch in der Elektronikbranche – speziell der Smartphone-Welt – gilt seit Jahren der Grundsatz der Leistungssteigerung. Hersteller bringen jährlich neue Flaggschiffe auf den Markt, die den Händlern förmlich aus den Fingern gerissen werden. Während unser Lebensstandard steigt, verschlechtern sich die Bedingungen der Arbeiter in den Minen und Produktionsstätten. Ein studentisches Marketingprojekt will diese Missstände aufzeigen, in dem es uns den Spiegel vorhält – mit Erfolg.

Als vor einigen Tagen bei Tech-Journalisten und Bloggern die Pressemitteilung des unbekannten Herstellers Honest in die virtuellen Briefkästen flatterte, staunte man nicht schlecht. Demnach sollte am 11. August das erste transparente Smartphone die Welt erblicken. Auch die Spezifikationen ließen aufhorchen: 5 Zoll Quad-HD AMOLED-Display, Qualcomm Snapdragon 810 Prozessor mit 4 GB RAM, wahlweise 32 GB, 128 GB und 256 GB interner Speicher und ein 3.450 mAh Akku sollten verbaut sein. Zudem spendierte man eine 24 Megapixel Kamera, Android 6.0 Marshmallow, LTE, USB-C und einen Fingerprint-Sensor. Nach der Sperrfrist von 18 Uhr sollte das Gerät offiziell im Netz vorgestellt werden.

Einige Elektronikseiten und Blogs prüften die Daten nicht weiter und veröffentlichten die Meldung pünktlich auf ihren Seiten. Jan Holubek präsentierte dazu auf seinem Blog einige Screenshots. Als die offizielle Webseite online ging, war die Überraschung perfekt. Zwar wurde auf dem ersten Blick ein neues Android-Smartphone beworben, doch zeigte sich spätestens ab dem Punkt „100% transparente Lieferkette“ die wahre Intention der Macher rund um den Erfurter Marketingstudenten Jonathan Schöps – dem Aufzeigen der fürchterlichen Bedingungen bei Rohstoffabbau und Produktion.

Miserable Arbeitsbedingungen für Arbeitskräfte

Mit zynischer Zunge wird durch 12-Stunden-Schichten in den Tantal- und Coltan-Minen Kongos das optimale Preis-Leistungs-Verhältnis garantiert. Weiteres Sparpotential haben die Macher bei der Rückverfolgung der Herkunftsländer gefunden: Egal woher oder von wem abgebaut – Hauptsache preiswert. Bei der Montage wird größtenteils auf angehende Akademiker zurückgegriffen, die in den Werken ihr „Zwangspraktikum ableisten, auch wenn ihr Studiengang nichts mit Elektronik zu tun hat.“

Wen das nicht abschreckt, kann direkt sein Exemplar „vorbestellen“. Doch anders als bei herkömmlichen Verfahren müssen auf der verlinkten Seite keine Bezahldaten eingetragen werden. Die Studenten präsentieren indessen ein kurzes, aufwändig produziertes Marketing-Video, das an die Präsentationen der großen Hersteller erinnert und zum Nachdenken anregen will. Den Schluss bilden die fünf Dinge, die wir Normalverbraucher gegen Sklaverei tun können. Maßnahmen, die die Probleme nicht aus der Welt schaffen, aber mit deren Hilfe wir auch bei anderen die Sinne schärfen können.

Natürlich sind das alles keine neuen Informationen. Aufschreie aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen in den Minen Afrikas, Südamerikas oder auch Asiens erreichen uns alle Dekaden. Doch gerade weil diese Welt so schnelllebig ist und wir von einer Produktflut überschwemmt werden, ist es wichtig darüber nachzudenken, ob wir immer das neueste Smartphone oder Tablet haben müssen. Rückgehende Verkaufszahlen dürften zwar die wirtschaftliche Lage zur Ausbeutung der Arbeiter nicht verbessern, aber bei der ein oder anderen Führungsetage zum Nachdenken anregen.

Image by Honest

About Jonas Haller
Jonas ist technikbegeisterter Leichtbaustudent an der Technischen Universität in Chemnitz. Er sammelt gern Erfahrungen mit neuer Hardware sowie innovativen Technologien und lässt andere daran teilhaben. Durch den Techblog „HTC Inside“ ist er zum Bloggen gekommen. Zwischendurch war er auch für das „Android Magazin“ aktiv. Privat schreibt er auf jonas-haller.de über die Dinge und Geschichten in seinem Leben, die er berichtenswert findet.