Don’t believe the hype: Ein sehr launischer Test des Google Pixel

Am vergangenen Freitag habe ich das neue Pixel von Google als Testgerät zugeschickt bekommen. Bis diesen Dienstag um 15 Uhr durfte ich nicht berichten, dass ich das Google Pixel schon habe (es gab ja auch schon genügend andere Testberichte da draußen), wie es womöglich ist (sehr leicht mit nur 143 g), was es kann (viel, auch wenn es nicht blau leuchtet) und was auch immer noch Menschen daran interessiert (wahrscheinlich die Mikrometer-Pixel der Kamera: 1,55μm).

Es war mir auch fast egal. Die Auseinandersetzung von Patrick Bahners mit dem neuen Buch der Publizistin Carolin Emcke und ihrer „Begründung der Demokratie aus der Verletzbarkeit jedes Einzelnen“ fand ich übers Wochenende sowieso wichtiger. Google hat ein neues Smartphone auf den Markt gebracht, was äußerlich wieder etwas mehr einem iPhone ähnelt, aber mehr ist eben auch nicht passiert. Sechs Jahre nach meinem ersten Android-Smartphone begeistert mich auch ein Pixel nicht mehr wirklich.

Mit dem Nexus 6 kann ich das Google Pixel selbst nicht vergleichen, das hatte ich übersprungen, aber ich habe es neben das iPhone 6 und iPhone 7 gehalten. Das Pixel ähnelt vor allem dem 6er von Apple, ist aber leichter und mir persönlich gefällt das Aluminium-Gehäuse des Androiden besser. In der Hand lag das iPhone 7 besser, aber wir reden hier von meinen Händen, auf die ich nicht genauer eingehen möchte. Das Google Pixel ist ein sehr schickes Smartphone, vom Design her hat Google wohl endlich an Apple Anschluss gefunden.

Google Pixel oder Apple iPhone? Hauptsache was mit Design

Langsam verstehe ich aber den Kephalos in Platons Politeia besser, denn was mich noch vor Jahren umtrieb, stellt jetzt kein Bedürfnis mehr dar. Die technischen Leistungen des Pixels kann man woanders nachlesen, die möchte ich nicht auch auflisten. Den Preis von 700 Euro finde ich zu hoch, aber wenn das einer unserer LeserInnen kaufen möchte, soll es mir egal sein. Da ich es als Telekom-Kunde sowieso nicht hole, stört mich auch nicht der gesperrte Bootloader und die längeren Wartezeiten für Updates (unnötig!).

Und was soll ich auch jetzt schon schreiben? Dass der Akku nach vier Tagen Benutzung einen tollen Eindruck macht? Von mehreren Nexus-Geräten weiß ich, das das in einem Jahr, wenn womöglich ein neues Pixel vorgestellt wird, auch ganz anders aussehen wird. Die Kamera ist super, keine Frage, aber auch nur in Nuancen anders als die im iPhone 7. Größter Unterschied ist, dass das iPhone 7 einen optischen Bildstabilisator hat und das Pixel auf eine elektronische Stabilisierung setzt. Tolle Fotos machen aber beide.

Ich kann nicht anders, als mit dem von dem Süddeutsche-Journalisten Dirk von Gehlen treffend umgedeuteten Shruggie zu reagieren, der mein inneres Schulterzucken und Distanziertheit zu dem Technologie-Zirkus treffend verkörpert: ¯\_(ツ)_/¯. Wir sehen seit dem ersten iPhone nichts Neues mehr, nur leicht veränderte Versionen dieses ersten wirklichen Smartphones. Dieses Bild von Steve Troughton-Smith eines ersten Android-Smartphones zeigt, woran Google vor dem ersten iPhone arbeitete:

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Pre-M3-Version von Google Android (Image: Steve Troughton-Smith)

Das iPhone war also maßgebend. Warum kann man dann nicht gleich das mit dem Google Pixel zumindest nahezu komplett erreichte Original eines iPhone kaufen? Keine Ahnung, kann man wahrscheinlich auch und da dieser Artikel keine Affiliate-Links (wäre aber möglich) enthält, ist mir das persönlich auch egal, aber um nicht immer mehr wie eine jüngere und technikaffinere Version von Harald Martenstein zu klingen, wenn auch genau so weiß und männlich, starte ich einen Versuch, das Pixel mit einem anderen Blickwinkel zu sehen.

Vom Pixel ausgehend richtet sich Google neu aus

Eines wurde bei dem Presseevent zur Präsentation des neuen Pixel-Smartphone schnell klar. Google geht es nicht mehr nur um das Telefon als mobiles Endgerät, das kalifornische Unternehmen denkt seine Produktpalette vertikal neu. Im Einzelnen betrachtet sind die neuen Google-Geräte unspektakulär (Rooter, Chromecast), erst am Anfang ihrer Entwicklung (VR Headset) oder einfach zu teuer (Pixel), aber miteinander vernetzt, saugen sie nicht nur wertvolle Daten für Google, sondern werden auch wirklich nützlich.

Rückblickend wird die Zusammenlegung von Software und Hardware in Googles neu gegründeter Hardware-Division, unter der Leitung von Motorolas ehemaligem Präsidenten Rick Osterloh, als Ausgangspunkt für den kommenden Erfolg gesehen werden. Schon lange sind Smartphones rechenstärker als die NASA-Rechner zur Zeit der Mondlandung, aber mit der Vernetzung innerhalb des sogenannten Internet of Things wird dies vielleicht endlich auch mal praktisch genutzt. Und das Pixel ist die Grundlage.

google-assistant via Google
Google Assistant

Das Smartphone ist der mobile Superrechner, den wir immer bei uns haben und der uns immer besser kennenlernt. Ich glaube (von Wissen kann keine Rede sein), dass Virtuelle Persönliche Assistenten (VPA) und Bots in Zukunft unsere Kommunikation und auch Interaktion mit Geräten bestimmen werden. Wir suchen nicht mehr nach Ergebnissen und lassen sie uns auflisten, wir werden danach fragen und bekommen eine Antwort. Der nächste Schritt wird dann die Erteilung eines Befehls sein.

Was das Pixel über uns weiß und wissen wird, kann Google in die Produktentwicklung neuer, uns umgebender Gerät stecken, die wir mit dem VPA im Google Pixel steuern. Der Google Assistant ist eine Weiterentwicklung von Google Now und heute schon ein starkes Stück Software. Nach ein paar Gesprächen und Anfragen schätze ich den Google Assistant besser ein als Siri und Cortana, aber im Grunde muss man sagen, dass noch alle VPAs, verglichen mit ihrem Potential, am Anfang der Entwicklung stehen.

Die größte Konkurrenz wird wohl hier Amazon mit Echo sein. Ich weiß, dass Amazon nicht so cool wie Google erscheint. Aber die Ansätze, Teil eines zukünftigen Smart-Home-Konzepts zu werden, sind schon jetzt überzeugender. Und am Ende ist Jeff Bezos der größere Visionär mit dem bisher beeindruckendsten Ergebnis an umgesetzten Visionen in der Tech-Welt. Ihm zu sagen, dass er mit seinen Prognosen irrt, ist eigentlich immer ein Fehler. Denn wer die Zukunft selbst baut, kann ja gar nicht falsch liegen.

Versuch eines Fazits: Das Pixel ist ein schickes Smartphone

Das Google Pixel ist ein sehr schönes Smartphone. Es bietet nette Sachen wie den Google Assistant, Fingerabdruckscanner, Navigations-Buttons Onscreen, großer Speicher (32 GB oder 128 Gigabyte. Außerdem eine tolle Kamera, ein großer Akku (2.770 beziehungsweise 3.450 Milliamperstunden), WLAN nach ac-Standard, LTE Cat. 9, USB-Typ-C-Anschluss, Bluetooth 4.2 LE und NFC. Übrigens gibt es das Gerät auch als Pixel XL in einer leicht größeren Version. Dann kommt es mit 5,5 Zoll WQHD-AMOLED-Display mit 2.560 x 1.440 Bildpunkten. Das kleinere Pixel bietet hingegen nur 5 Zoll AMOLED-Display mit 1.920 x 1.080 Pixeln Full-HD-Auflösung.

So toll das Pixel auch ist, es ist ebenso teuer. Für das gleiche Geld bekommt man auch ein iPhone 7, das wohl auch sehr toll ist. Da das beste am Pixel das Potenzial von Googles vertikaler Produktpalette ist, kann man auch noch ein paar Jahre warten. Dann ist diese noch besser, größer und smarter. Ich habe gerade auch das Aquaris X5 Plus im Test zu Hause, was nur rund 300 Euro kostet (oft schon weniger) und auch ein tolles Android-Smartphone ist. Von meiner persönlichen Zufriedenheit bei der Benutzung ausgehend, auch zu empfehlen.

Google hat mit dem Pixel einen Schritt in die Zukunft gemacht. Sie kommt so sicher wie das Amen in der Kirche, da viele Unternehmen in die gleiche Richtung gehen. Was Google aber richtig gut macht, ist die im Vergleich zu anderen Firmen bessere Software. Zudem lässt Google diese besser im eigenen Ecosystem miteinander interagieren. Es kann sich sehr angenehm anfühlen, wie sehr Google das eigene Leben analysiert und einem bei der Organisation hilft.

Die Frage ist, wie weit wir einzelne Unternehmen in unser Leben schauen lassen. Und ob das ein so schönes Smartphone wert ist. Aber wer fragt sich das schon wirklich?


Image „Google Pixel“ by Markus Mielek / Google


About Tobias Kremkau
Tobias Kremkau ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er das Blog und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit."

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