Lenovo Yoga Book: Vielseitiger Grafikkünstler im Test

So toll digitale Endgeräte und Medien auch sind, für viele Studenten und Kulturschaffende ist die analoge handschriftliche Notiz und Zeichnung das Nonplusultra. Bisher musste man sich entscheiden, ob Gedankenstützen und malerische Kunstwerke analog zu Papier gebracht oder per Stylus digital in das Tablet übertragen werden. Mit dem Yoga Book will Lenovo die Vorteile der beiden Welten fusionieren und bringt ein Convertible mit Grafiktablet auf dem Markt. Doch geht die Rechnung auf? Nach meinem Hands-on auf der IFA 2016, habe ich die Android-Version nun ausführlich getestet.

Design und Verarbeitung: Flache Magnesium-Flunder mit Klebeschwächen

Mit Maßen von 257 mm in der Breite und 171 mm in der Höhe ist das 10-Zoll-Gerät recht kompakt. Für ein flaches Erscheinungsbild sorgt die Dicke von lediglich 10 mm. Aufgrund eines leichten Gehäuses aus einer Magnesium-Aluminium-Legierung bringt das Yoga Book lediglich 690 Gramm auf die Waage. Dadurch wirkt das Convertible sehr hochwertig.

Die Seiten des Yoga Book sind betont aufgeräumt. Image by Jonas Haller

Auf der linken Seite des Tastatur-Moduls integrieren die Chinesen einen microUSB-Anschluss zum Laden des Akkus, einen miniHDMI-Port, den microSD-Kartenslot sowie den linken Lautsprecher. Gegenüber liegt das rechte Speaker-Pendant, ein 3,5 mm Klinkenausgang sowie der Power-Button und die Lautstärkewippe. Die Tasten sind in der liegenden Tischposition aufgrund des schmalen Gehäuses leider schlecht bedienbar. Vielleicht wäre die Integration in das Display-Modul schlauer gewesen.

Nach dem etwas fummeligen Öffnen des per Magneten gesicherten Klappmechanismus begrüßt mich direkt das Highlight des Geräts: das Halo-Keyboard. Dazu aber später mehr. In dem Panel verbirgt sich zudem die 8 Megapixel auflösende Rückkamera, die nur im Tablet-Modus sinnvoll eingesetzt werden kann. Durch ein feines Gliederscharnier, das eine 360-Grad-Drehung zulässt, ist das 10,1 Zoll große Display mit der „Basis“ verbunden.

Das Scharnier ist für den Einsatz auf dem Schoß sehr stabil, kann bei Touch-Eingabe ein Nachwippen allerdings nicht verhindern. Oberhalb des Displays verbirgt sich die 2 Megapixel Frontkamera. Die Verarbeitungsqualität ist gut, wenngleich sich das verklebte Halo-Keyboard auf einer Seite leicht löste. Das wäre kaum aufgefallen, wenn die Hintergrundbeleuchtung den Mangel nicht andauernd wortwörtlich beleuchtet hätte.

Lenovo Yoga Book Gliederscharnier
Das Gliederscharnier des Lenovo Yoga Book macht einen robusten Eindruck. Image by Jonas Haller

Display: Mainstream-Panel mit AnyPen-Technologie

Wenig überraschendes liefert Lenovo beim Display. Das solide, 10,1 Zoll große IPS-Panel mit 16:10-Bildverhältnis löst mit ausreichenden 1.920 x 1.200 Pixel auf. Die Pixeldichte liegt damit bei 218 ppi. Zwar ist das kein Bestwert, aber die feinen Bildpunkte sind in der Praxis nur aus sehr kurzer Distanz erkennbar. Nichts zu meckern gibt es in Sachen Blickwinkelstabilität. Dank IPS-Technologie verfälscht das Display selbst bei seitlicher Sicht die Farben nicht. Top!

Die maximale Helligkeit ist mit 370 cd/m² eine gute Leistung. Im Betrieb in Büro oder Vorlesungssaal ist der Wert vollkommen ausreichend. Sobald man das Yoga Book allerdings draußen bei starker Sonneneinstrahlung verwendet, kann das Display den starken Spiegelungen nur noch wenig entgegensetzen. Lenovo spendiert dem Display des Weiteren seine AnyPen-Technologie. Damit stellt das Schreiben und Zeichnen mit leitenden Gegenständen kein Problem dar – selbst Karotten oder Würstchen funktionieren.

Halo-Keyboard: Multifunktionales Eingabepanel mit Wow-Effekt

Die größte Innovation des Yoga Book stellt das neuartige Halo-Keyboard dar. Es wurde innerhalb von zwei Jahren gemeinsam mit Wacom, dem größten Hersteller für Grafik-Tablets, entwickelt. Die matte Kunststoffoberfläche ähnelt dabei im ersten Moment marktüblichen Grafik-Tablets. Beim Entsperren des Convertibles im Notebook-Modus (der Winkel zwischen Display und Tastatur beträgt weniger als 180 Grad) aktiviert sich die Beleuchtung und die QWERTZ-Tastatur kommt zum Vorschein.

Lenovo Yoga Book Halo Keyboard
Die Verarbeitung des Halo-Keyboard ist verbesserungswürdig. Image by Jonas Haller

Sie besitzt neben den herkömmlichen Buchstabentasten auch Pfeil- und Funktionstasten. Über letztere kann schnell und unkompliziert etwa die Bildschirmhelligkeit und Lautstärke differenziert oder der Homebildschirm und das Menü aufgerufen werden. Wie auch beim Display kommt die Beleuchtung des Keyboards bei hellerer Umgebung schnell an ihre Grenzen, wodurch die Tastatur als solche kaum noch zu verwenden ist.

Das Gefühl beim Tippen ähnelt einer normalen Tablet-Hardwaretastatur. Einen Druckpunkt sucht man selbstverständlich vergebens, lediglich Vibrationsmotoren geben ein Feedback. Die Tastaturoptionen erlauben einige Anpassungen, etwa der Vibrationsstärke sowie der Helligkeit des Halo-Keyboards. Eine echte Tastatur vermag die Lösung nicht zu ersetzen, da blindes Tippen quasi unmöglich ist. Zu groß ist die Wahrscheinlichkeit andere Tasten zu erwischen. Im Test funktionierte zudem die Autokorrektur mehr schlecht als recht, was soweit ging, dass ich das eigentlich helfende Feature deaktivierte. Misophobische Menschen haben neben dem Display mit dem Halo-Keyboard ein weiteres Panel, das von Fingerabdrücken befreit werden will.

Halo-Keyboard: Notizfunktion für Analogfans

Die spannendste Funktion des Halo-Keyboard ist das Grafikfeature. Dadurch transformiert sich die ursprüngliche Tastatur durch den Fingertipp auf einen entsprechenden Button zum Grafik-Tablet. Dann lassen sich auf dem Panel mit dem Stylus Zeichnungen und Notizen anfertigen. Das funktionierte im Test prompt und dank elektro-magnetischer Resonanztechnik sind detailgenaue Skizzen mit 2.048 Druckstufen möglich.

Das Lenovo Yoga Book kommt mit neuartigem Halo-Keyboard daher. Image by Jonas Haller

Wer seine Kunstwerke auch in analoger Form vorliegen haben möchte, kann den beigelegten 20-seitigen Block nutzen. Dessen Rückseite ist magnetisch und lässt sich so auf dem Grafik-Tablet installieren – beigelegte Kugelschreibermine in den Stylus einsetzen und schon steht dem analog-digitalen Schreibvergnügen nichts im Wege. Im Test zeigte sich, dass es von Vorteil ist, eine komplette Seite in einem Rutsch zu nutzen. Sobald man nämlich den Block vom Tablet entfernt, gestaltet es sich als sehr schwierig wieder die richtige Position zu finden.

Performance und Speicher: Für Office-Aufgaben ausreichend

Die Achillesferse des Lenovo Yoga Book ist die Performance. Im Inneren werkelt mit dem Atom X5-8550 ein Mittelklasse-Prozessor von Intel. Er besitzt vier Kerne und taktet mit variablen 1.44 bis 2.4 Ghz. Beim Arbeiten stehen ihm 4 GB Arbeitsspeicher zur Seite. Für einfache Office-Aufgaben reicht das zwar aus, allerdings zeigen sich bei ressourcenhungrigen Anwendungen und Spielen deutliche Defizite.

Im AnTuTu-benchmark etwa erzielte das Convertible 88.400 Punkte und liegt damit auf dem Niveau von Smartphones aus dem Jahr 2015. Ähnliches zeigt sich im Geekbench, Dort erreicht das Yoga Book 3260 Punkte im relevanten Multi-Core-Test. Besonders deutlich werden die Engpässe bei mehreren gleichzeitig geöffneten Applikationen.

Lenovo Yoga Book Benchmarks
Im Benchmark macht das Lenovo Yoga Book nicht die beste Figur. Screenshots by Jonas Haller

Dafür könnte auch der langsame Speicher verantwortlich sein. Der chinesische Hersteller verbaut nämlich einen trägen eMMC-Chip, der zwar immerhin mit 64 GB Speicherplatz aufwarten kann, aber laut A1 SD Bench Übertragungsgeschwindigkeiten von nur 125 MB/s (Lesen) bzw. 46 MB/s (Schreiben) bietet. Der Speicherriegel ist durch eine microSDXC-Karte um bis zu 128 GB erweiterbar. Das dürfte für die meisten Anwender reichen. Wer mehr will nutzt etwa den Onlinespeicher Google Drive oder einen OTG-Speicher, der ebenfalls unterstützt wird.

Lautsprecher: Frische Töne

Die beiden verbauten Lautsprecher sind hochwertig. Sie befinden sich jeweils an den Außenseiten des Gerätes und bieten somit tollen Stereo-Klang. Dank Dolby Atmos lassen sich Filme und Serien entspannt auf der Couch genießen – auch wenn die Höhen tablet-typisch übersättigt sind. Die zugehörige App bietet vorgefertigte Sound-Presets sowie einen Equalizer. Damit hebt sich das Yoga Book von so manchem Konkurrenzprodukt ab.

Kamera: Lasche Bilder

Auch wenn das Yoga Book nicht zum Fotografieren gedacht ist, hat der Hersteller Lenovo dem Gerät zwei Module spendiert. Das Hauptmodul befindet sich oberhalb der Back-Taste des Halo-Keyboards. Sie löst mit 8 Megapixel auf und besitzt einen Autofokus. Nähere Informationen über Blende und Aufbau rückt der chinesische Hersteller nicht raus.

Lenovo Yoga Book Kamera
Die Hauptkamera des Yoga Book befindet sich oberhalb des Halo-Keyboard. Image by Jonas Haller

Allerdings wurde im Test deutlich, dass das Kamerasystem nicht die besten Ergebnisse erzielt, um es wohlwollend auszudrücken. Denn die Farben sind zu lasch und bei schummrigen Licht rauschen die Aufnahmen stark. Für das Festhalten eines Tafelbildes reicht es aber allemal – zumindest wenn nicht der digitale Zoom zum Einsatz kommt. Die Frontkamera besitzt einen 2 Megapixel auflösenden Sensor und eignet sich für Skype-Telefonate – auch wenn das Bild ziemlich ausgewaschen ist.

Akku: Ausdauerndes Arbeitstier

Doch was nutzen die vielfältigen Entertainment-Qualitäten, wenn das Gadget allzu schnell wieder an die Steckdose muss. Um dem vorzubeugen, integriert Lenovo ein 8.500 mAh fassenden Energiespeicher. Er soll laut Hersteller das Gerät rund 15 Stunden mit Strom versorgen. Im Test wurde dieser Wert nicht erreicht, bestenfalls standen nach einem Mix aus Office, Web-Browsing, Video und Gaming rund 10 Stunden Nutzungszeit auf der Uhr. Das geht aber vollkommen in Ordnung.

Etwas schlechter sind die Ergebnisse im PCMark Akkutest. Dort erreicht das Yoga Book mit 50% Displayhelligkeit eine Laufzeit von gerade einmal 6:39 h. Damit liegt es im Mittelfeld der getesteten Androidtablets. Über den nicht mehr ganz zeitgemäßen microUSB-Anschluss ist der Akku erst nach drei Stunden wieder vollständig aufgeladen.

Konnektivität: Stimmiger Schnittstellensparer

Lenovo gibt sich in Sachen kabelgebundener Konnektivität puristisch und spendiert lediglich einen microUSB- sowie microHDMI-Anschluss. Letzterer eignet sich allerdings lediglich für Bildschirmpräsentationen à la Powerpoint. In der Praxis zeigten sich deutliche Schwächen bei der Videoperformance an einem TV-Gerät. Gestreamte Inhalte wurden ruckelig und mit geringer Framerate wiedergegeben. Zudem beschneidet oder verzerrt das Fernsehgerät das 16:10-Display. Die perfekte Einstellung konnte ich zumindest nicht finden.

Unter der Haube verbaut der chinesische Hersteller WLAN nach b/g/n/ac-Standard sowohl im 2,4 GHz als auch 5 GHz-Bereich. Der Empfang war im Test überdurchschnittlich gut und lässt so manches Konkurrenzprodukt alt aussehen. Wahlweise kann eine Variante mit LTE-Modul geordert werden. Dann ist das Yoga Book auch unterwegs mit dem Internet verbunden.

Software: Stock-Android mit Desktopanleihen

Die vorliegende Variante des Gerätes kommt mit dem Android-OS in Version 6.0.1 daher. Auf eine eigene Nutzeroberfläche verzichtet Lenovo, wodurch das System sehr entschlackt erscheint. Mit einem Dateimanager, Shareit, Syncit sowie dem Note Saver finden sich nur ein paar vorinstallierte Anwendungen. Top! Das hatten wir in der Vergangenheit schon anders gesehen.

Ein Benefit der nicht mehr ganz frischen Android-Version ist die Existenz eines Mousepads sowie die Integration einer Taskleiste. Dadurch kann ich schnell zwischen geöffneten Apps sowie dem App-Drawer wechseln. Auch die Möglichkeit Anwendungen als Fenster darstellen zu lassen, ist eine sinnvolle Erweiterung für das Gerät mit Google-OS. So etwas kenne ich bis dato nur von Produkten mit Windows-System. Apropos Windows: Das Yoga Book ist auch in einer Variante mit Windows 10 verfügbar. Sie kostet rund 100 Euro mehr, bietet allerdings eine bessere Office-Integration.

Dateimanager Lenovo Yoga Book
Auf dem Yoga Book ist ein Dateimanager vorinstalliert. Screenshot by Jonas Haller

Fazit: Das Yoga Book ist ein innovatives Convertible mit Performance-Schwächen

Als Lenovo auf der IFA 2016 das Yoga Book der Öffentlichkeit präsentierte war ich hin und weg. Denn das Convertible war genau das Gerät, was ich mir als Student sehnlichst gewünscht hatte. Es ist multifunktional in seinen vier verschiedenen Nutzungsmodi (Create, Browse, Watch, Type) und ein Brückenbilder zwischen analoger und digitaler Welt. Daher war ich umso glücklicher, als mir nun für einige Wochen ein Testgerät zur Verfügung gestellt wurde. In der Praxis machte das Prinzip eine gute Figur. Das Halo-Keyboard arbeitet zuverlässig und kurze Texte lassen sich gut tippen. Jedoch verfasse ich wissenschaftliche Berichte lieber an PC oder Notebook. Die Akkulaufzeit ist ganz passabel und ich kam gut über den Arbeitstag. Etwas nervig empfand ich die lange Ladezeit.

Zwar ist die Performance für den Alltag ausreichend, aber ich hätte mir etwas mehr erwartet. Denn ressourcen- und speicherhungrige Anwendungen laufen behäbig und unzeitgemäß stockend. Prozessor und Speicheranbindung erscheinen etwas unterdimensioniert. Allerdings wird dies durch die herausragende Portabilität wett gemacht. Der Kaufpreis ist mit aktuell 460 Euro für die Android-Version und 530 Euro für Windows-Variante mehr als angemessen. Vor allem für Studenten, Künstler und Außendienstler eine lohnenswerte Investition in die persönliche Zukunft.


Images by Jonas Haller


About Jonas Haller
Jonas ist technikbegeisterter Leichtbaustudent an der Technischen Universität in Chemnitz. Er sammelt gern Erfahrungen mit neuer Hardware sowie innovativen Technologien und lässt andere daran teilhaben. Durch den Techblog „HTC Inside“ ist er zum Bloggen gekommen. Zwischendurch war er auch für das „Android Magazin“ aktiv. Privat schreibt er auf jonas-haller.de über die Dinge und Geschichten in seinem Leben, die er berichtenswert findet.

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