Honor 9 im Test: Für alle, die kein smartes Statussymbol brauchen

Das Automobil als Statussymbol hat ausgedient. Die Generation Y legt Wert auf einen tollen Lifestyle und typ-genaue Alltagsprodukte. Zu diesen Geräten zählt zweifelsfrei das Smartphone. Viele junge Menschen identifizieren sich mit ihrem Mobiltelefon und kaufen nicht nur nach Spezifikationen, sondern auch nach angesagten Marken. In dieses Muster will die Huawei-Tochtermarke Honor eingreifen und einen weiteren Faktor ins Gespräch bringen: den Preis. Mit dem potenten und gleichzeitig preiswerten Honor 9 greift der Hersteller die etablierten Unternehmen an. Was können wir von einem 429 Euro „billigen“ Flaggschiff-Smartphone verlangen? Ich habe das Smartphone in den letzten Wochen im Alltag getestet.

Auffälliges Äußeres

Wer ungern die Blicke auf sich zieht, ist beim Honor 9 an der falschen Adresse. Das Gehäuse besteht aus einem Metallrahmen und einer Rückseite aus mehrfach beschichtetem, glänzendem Glas. Durch eine kaum sichtbare Strukturierung erreicht Honor spannende Reflektionen. Wie auch bei Mitbewerbern wie dem HTC U11 zieht das spiegelnde Gehäuse Fingerabdrücke an. Überraschenderweise sind diese jedoch weniger sichtbar.

Durch die abgerundeten Kanten liegt das Honor 9 angenehm in den Händen. Allerdings alles andere als sicher. Ich hatte bei der Nutzung ohne Case immer das Gefühl, dass mir das Telefon aus der Hand gleitet.

Seitenansicht des Honor 9
Das Honor 9 besitzt abgerundete Kanten. Image by Jonas Haller

Rings um das Gerät befinden sich die üblichen Slots und Buttons. Links können nano-SIM und microSD-Karte oder wahlweise zwei SIM-Karten eingeschoben werden. Gegenüber auf der rechten Seite befinden sich Lautstärke-Wippe und Powerbutton. Beide besitzen eine guten Druckpunkt, sitzen allerdings etwas locker in ihren Fräsungen. Auf der Unterseite integriert die Huawei-Tochter einen 3,5 mm Klinkenanschluss, den USB-C Port sowie einen Mono-Speaker. Die Geräte-Oberseite ziert ein besonderes Feature, der IR-Sender. Mit ihm lassen sich etwa TV und Stereoanlage fernbedienen.

Im Glasgehäuse auf der Rückseite ist die Dual-Kamera inklusive Dual-LED-Blitz integriert. Hauptaugenmerk liegt allerdings selbstverständlich auf der leicht abgerundeten Frontseite. Dort befinden sich das 5,15 Zoll große Display sowie die Frontkamera. Unterhalb der Anzeige integriert Huawei einen Fingerabdrucksensor, der sehr flott reagiert und als Home-Button fungiert. Rechts und links davon gibt es zwei sensitive Buttons, die der Nutzer frei belegen kann. Die Verarbeitungsqualität ist für ein Gerät dieser Preisklasse hervorragend. Das heißt nichts knarzt und übermäßige Spaltmaße sucht man vergebens.

Display ist solide, aber nicht brillant

Hardware-Allerlei verbaut der chinesische Hersteller beim Display. Das 5,15 Zoll große SLCD-Display löst mit FullHD auf und bietet somit eine sehr hohe Pixeldichte von 428 ppi. Das reicht für den Alltag mehr als aus. Einzelne Pixel sind erst beim sehr genauen Betrachten sichtbar. Jedoch viel wichtiger finde ich die Helligkeit und den Kontrast. Hier überrascht der Preisbrecher mit seiner Leuchtstärke. Auch bei direkter Sonneneinstrahlung lassen sich Nachrichten halbwegs vernünftig ablesen.

Das Honor 9 ist wie jedes aktuelle Smartphone mit einem Helligkeitssensor ausgestattet. Dieser arbeitet sehr flott und reguliert die Displayhelligkeit prompt. Einziger Kritikpunkt ist die starke Abdunklung in den finsteren Abendstunden. Dann sind Videos kaum mehr anschaubar. Auch wenn dabei der Akku maximal geschont wird.

Display des Honor 9
Das Display ist sehr hell und ausreichend scharf. Image by Jonas Haller

Flotter Prozessor arbeitet energiesparend

Apropos akkuschonend: Wie auch das aktuelle Huawei-Flaggschiff P10 hat das Honor 9 den aktuellen Vorzeige-Prozessor der Chinesen, den Kirin 960, eingepflanzt bekommen. Der Octa-Core besitzt vier Hochleistungs-Kerne, die mit 2,4 GHz takten sowie vier Energiespar-Kerne, die mit 1,8 GHz arbeiten. Gemeinsam mit 4 GB arbeitet der Chipsatz sehr flott und flüssig. Dementsprechend gab es Denkpausen ebensowenig wie App-Abstürze.

Im AnTuTu-Benchmark erreichte das Honor 9 rund 147.000 Punkte und liegt damit im Bereich der Vorjahres-Flaggschiffe OnePlus 3, Samsung Galaxy S7 und Co. Überdies brachte Geekbench sogar eine Punktzahl von 6241 (Multi-Core) hervor. Damit liegt das Mobiltelefon gar im Bereich der aktuellen Flaggschiff-Geräte. Hut ab!

Daten und Apps landen auf dem 64 GB großen internen Speicher. Er überrascht ebenso mit einer hohen Schreib- sowie Lesegeschwindigkeit. Das heißt im Klartext: 205 MB/s Lesen und 188 MB/s Schreiben. Da kann sich so mancher Premium-Hersteller eine Scheibe davon abschneiden. Falls der Speicherplatz nicht ausreicht, kann per microSD-Karte um bis zu 256 GB aufrüsten.

Scharfe Dual-Kamera mit Zoom-Feature

Wie auch der große Bruder Huawei P10 besitzt das Honor 9 eine Dual-Kamera. Der Farbsensor löst mit 12 Megapixel auf und wird in Sachen Schärfe von einem 20 Megapixel auflösenden Monochrom-Sensor unterstützt. Per Algorithmus lassen sich im Modus „Große Blende“ hübsche Unschärfe-Effekte erzielen. Nichtsdestotrotz kommt diese Software-Lösung nicht an optischen Ergebnissen eines lichtstarken DSLR-Objektivs heran.

Rückseite des Honor 9
Die Dual-Kamera befindet sich in der linken oberen Ecke. Image by Jonas Haller

Ambitionierte Fotografen können sich zudem mit einem entsprechenden Profi-Modus auslassen. Die Aufnahmen landen dann auch im bearbeitungsfreundlichen RAW-Modus auf dem Speicher. Für künstlerische Schwarz-Weiß-Aufnahmen kann der Monochrom-Sensor auch allein zum Einsatz kommen. Dank der verbauten Dual-Kamera soll auch bis zu zweifach verlustfrei gezoomt werden können. So zumindest der Hersteller. Im Test zeigte sich jedoch ein deutliches Ausfressen der Konturen, wenn auch nicht so stark wie bei Mono-Komponenten der Konkurrenz von Samsung, HTC und Co. Dafür muss das Modul bei schummrigen Licht Federn lassen.

Videografen dürfte die fehlende optische Bildstabilisierung negativ aufstoßen. Bei Bewegtbildern arbeitet lediglich das RGB-Modul, die Auflösung beträgt 4K bei 30 Bildern pro Sekunde. Um FullHD-Modus sind 60 fps möglich. Auch Zeitlupen sind mit dem Honor 9 möglich. Allerdings zeigten sich im Test Probleme mit dem Speichern der nachträglich bearbeiteten Sequenz.

Wer sich lieber selbst in Szene setzen möchte, kann auf eine 8 Megapixel auflösende Frontkamera zurückgreifen. Die Kamera-App bietet selbstverständlich einen Beauty-Modus, um Gesichter weicher zu zeichnen und Falten auszubessern. Ein künstlich per Software erzeugter Bokeh-Effekt lenkt den Fokus auf die abgelichteten Gesichter. Das erscheint allerdings noch unrealistischer als bei der Dual-Kamera auf der Rückseite. Also lieber Hände weg! Videos zeichnet das Frontmodul in FullHD auf.

Lautsprecher bietet nur Mono-Sound

Im Vergleich zum Vorgänger Honor 8 verbesserte der Hersteller auch die Klangqualität des integrierten Lautsprechers. Auch wenn er weiterhin nur in einer Mono-Ausführung auf der Geräteunterseite daher kommt, bietet er doch einen überraschend guten Klang. Er klingt deutlich fülliger als die Komponenten der meisten Mitbewerber. Tiefe Frequenzen werden sehr gut wiedergegeben.

Besserer Klanggenuss lässt sich über In- oder Over-Ears erreichen. Leider verzichtet Honor auf ein Headset im Lieferumfang. Im Test kam das meiner Meinung nach sehr gute Headset des HTC 10 zum Einsatz. Per „Huawei Histen“ werden die ausgegebenen Audio-Dateien verbessert und wahlweise in 3D-Audio umgewandelt. Der von Monster lizenzierte Honor Purity Modus verstärkt die Tiefen besonders stark und erzeugt ein sehr bassbetontes Klangbild. Das ist selbst mir als Bass-Fan zu heftig.

Unterseite des Honor 9
Der Lautsprecher befindet sich auf der Unterseite des Telefons. Image by Jonas Haller

Starker Akku und viele Funkstandards

Eine der großen Stärken des chinesischen Herstellers ist die perfekte Harmonie der Komponenten. Dadurch erreicht Honor eine besonders ausdauernde Akkulaufzeit. Die 3.200 mAh des verbauten Moduls verhelfen somit gut über den Tag. In meinem Alltagsszenario mit drei synchronisierenden Mailadressen, Nachrichten, Musik, Youtube und den sozialen Medien waren ohne Probleme 1,5 Tage möglich. Die Screen-On-Time betrug fünf bis sechs Stunden. Das ist ein ordentlicher Wert. Innerhalb von rund 90 Minuten ist der Energiespender wieder vollständig geladen.

Für die mobile Datenverbindung stehen LTE Cat 12 sowie WLAN ac zur Verfügung. Damit lässt sich unterwegs sehr schnell auf Daten aus dem Internet zugreifen. Selbstverständlich ist auch Bluetooth 4.2 und GPS/Glonass an Bord. Leider können Daten kabelgebunden nur mit USB-2.0-Geschwindigkeit zwischen Smartphone und PC ausgetauscht werden. Für den Datenaustausch liefert Huawei einen eigenen Manager, der besonders Laien helfen soll.

Nutzeroberfläche noch sehr verspielt

Wie auch bei den Vorgänger-Modellen läuft auf dem Honor 9 die neueste Android-Version sowie die Nutzeroberfläche des Mutterkonzerns Huawei EMUI in Version 5.1. Zwar hat das chinesische Unternehmen mit dem Huawei Mate 9 die Software deutlich entschlackt und übersichtlicher gestaltet, allerdings fühlt sie sich immer noch überladen und zeitweise behäbig an. So manche App und deren Einstellung muss mühselig gesucht werden. Hinzu kommt, dass Apps in der Ansicht des App-Drawers nicht in Ordner gepackt und gruppiert werden können. Das macht das Menü schnell unübersichtlich.

Ein weiterer Wermutstropfen sind die vielen vorinstallierten Apps und Games, die man nach dem Einrichten direkt deinstallieren und so über den Jordan schicken sollte. Dazu zählen Spiele wie Disney Kingdoms, Little Big City 2 oder auch das veraltete Asphalt Nitro. Auch eigene Apps wie Kalender, Mail oder die Galerie hätte man sich sparen können – Google bietet ja selbst umfangreiche Software. Einen echten Mehrwert fand ich an der GoPro-Anwendung Quik, mit deren Hilfe aus schnöden Fotos schicke kleine Clips erstellt werden können.

Screenshot EMUI
Das Erscheinungsbild des EMUI ist Geschmacksache. Screenshots by Jonas Haller

Fazit: Das Honor 9 ist ein potenter Preis-Leistungs-Kracher

Mit dem Honor 9 bringt Konzernmutter Huawei den viel zitierten Flaggschiff-Killer auf den Markt. Die guten Eindrücke aus dem Hands-On bestätigen sich auch im ausführlichen Test. Die Spezifikationen sind auf Oberklasse-Niveau, das wird vor allem bei Performance, Kamera und Lautsprecher sichtbar. Gleichzeitig kann die Jugendmarke von einem ausgeklügelten Energiemanagement und den gelungenen Kooperationen des chinesischen Herstellers profitieren. Design und Verarbeitungsqualität des Mobiltelefons setzen in der Preisklasse einen Benchmark.

Aber natürlich gibt es auch Verbesserungspotential. Die Nutzeroberfläche EMUI wirkt auch nach der Verjüngungskur verspielt und unübersichtlich, Bloatware belastet den Speicher ungewollt. Ferner dürfte Multimedia-Enthusiasten ein Bildstabilisator und ein zweiter Medienlautsprecher fehlen. Das ist aber alles Meckern auf hohem Niveau. Fakt ist, dass der Preis für das Mittelklasse-Flaggschiff mit 429 Euro unschlagbar günstig ist. Für alle, denen namhafte Marken in der Elektronikwelt schnuppe sind, dürfte das Honor 9 für 429 Euro im Hersteller-Shop das perfekte Mobiltelefon für den Alltag sein.

Wer das Honor 9 mag, aber ein gern ein größeres Display hätte, sollte sich das Honor 8 Pro anschauen. Die Bildschirmdiagonale beträgt 5,7 Zoll, die Auflösung 2.560 x 1.140 Bildpunkte. Die Hardware ist zum Teil ebenfalls besser. Dafür kostet das Gerät aber auch über 100 Euro mehr.


Images by Jonas Haller


About Jonas Haller
Jonas ist technikbegeisterter Leichtbaustudent an der Technischen Universität in Chemnitz. Er sammelt gern Erfahrungen mit neuer Hardware sowie innovativen Technologien und lässt andere daran teilhaben. Durch den Techblog „HTC Inside“ ist er zum Bloggen gekommen. Zwischendurch war er auch für das „Android Magazin“ aktiv. Privat schreibt er auf jonas-haller.de über die Dinge und Geschichten in seinem Leben, die er berichtenswert findet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.