LG Q6 im ausführlichen Test: Schöne Aussichten

Smartphones im Breitbildformat mit wenig Rand ums Display sind ein Haupttrend im Modellsaison 2017. Waren im Frühjahr ausschließlich Top-Geräte damit ausgestattet, bringt LG schon im Sommer dieses Feature auch in die erschwingliche Mittelklasse. So verfügt das nun im Handel erhältliche LG Q6 über ein sehr hoch auflösendes 5,5-Zoll-Display in einem 5 Zoll großen Gehäuse. Dennoch kostet es mit 350 Euro deutlich weniger als ein LG G6 oder Samsung Galaxy S8. Der Eindruck eines Vorserienmodells war im Hands-On gut. Wie schlägt sich ein fertiges Produkt im ausführlichen Praxistest? Ich konnte es noch vor dem Marktstart ausprobieren.

Scharf, ey!

Da gibt es kein Vertun: Die Bildqualität des Displays ist eine Wucht. Sie sucht in dieser Preisklasse ihresgleichen. Das IPS-LC-Display bietet knackige Farben und Kontraste, die auch bei seitlichem Blick nicht an Kraft verlieren. Insbesondere beim Video-Streaming mit Netflix oder beim Zocken von Action-Games bereitet das LG Q6 große Freude.

Zwar kommt die Helligkeit nicht an die besten Displays auf den Markt heran. Dennoch ist die Hintergrundbeleuchtung auf höchster Einstellung kräftig genug, sodass das Navi-Programm im Auto auch bei prallen Sonnenlicht noch hinreichend lesbar sind.

Aufgrund des langgestreckten Seitenverhältnisses liegt die Auflösung von 2.160 x 1.080 Pixeln etwas über dem FullHD-Standard. Die Darstellung ist dadurch sehr scharf und klar. Vor allem beim Lesen von Webseiten und Artikeln mit kleinen Schriften erweist sich dies als sichtbarer Vorteil.

Große Glotze, kleines Klein: Das bringt das Breitbild in der Praxis

Als eines der ersten aktuellen Smartphones weist das LG Q6 nicht das übliche 16:9-Format auf. Stattdessen stehen Breite und Höhe des Displays in einem 18:9-Verhältnis. Dadurch bietet das 14,2 Zentimeter lange Gerät nach oben und unten hin mehr Displayfläche, sodass die Diagonale der eines 5,5-Zoll-Phablets entspricht. Weil das Gerät mit 6,93 Zentimeter Breite aber so kompakt wie ein 5-Zöller ist, bleibt es auch mit einer Hand komfortabel bedienbar. Genau das ist der entscheidende Vorteil. Wem bei einem Phablet im herkömmlichen Format die Einhandbedienung schwerfällt, wird diesen neuartigen Formfaktor begrüßen.

LG Q6 Test
Image by Berti Kolbow-Lehradt

Hingegen ein Haken ist, dass die meisten Apps für ein Seitenverhältnis von 16:9 statt 18:9 optimiert sind. Damit Inhalte weder schwarz eingerahmt, noch abgeschnitten werden, skaliert das Q6 als Kompromiss alle heruntergeladenen Apps standardmäßig auf 16.7:9. Dadurch entsteht zwangsläufig ein Schärfeverlust. Im Praxistest ist dieser jedoch vernachlässigbar. Zumindest in den Stichproben werden Apps in 16.7:9 und 18:9 ohne erkennbare Beeinträchtigungen dargestellt. Allerdings muss ich hinnehmen, dass bei im 16:9-Format produzierten Netflix-Videos ein minimaler Bildbeschnitt oben und unten zu sehen ist. Wer auf Darstellungsfehler stößt, kann das Format für viele Apps in den Einstellungen anpassen.

Kritisch ist die Skalierung einzig in der Kamera-App. Wer hier nur deshalb auf das 18:9-Format setzt, weil es so schön vollformatig den Screen füllt, verschenkt in Wirklichkeit unnötig Bilddetails. Die volle Sensorauflösung nutzt das Q6 nämlich nur im 4:3-Verhältnis aus. Beim erstmaligen Start weist die Kamera-App Nutzer darauf hin. Später müssen sie selbst daran denken.

Schickes Design mit Macken

Ungeachtet des funktionellen Mehrwerts hat LG das Display mit dem ungewöhnlichen Format clever in die Formsprache des Geräts integriert. So sind die Ecken des Displays elegant abgerundet und harmonieren dadurch hervorragend mit den geschwungenen Kanten des Gehäuses. Die Ränder um das Display sind vergleichsweise schmal, rund 78 Prozent der Front bestehen nur aus Bildschirm. Obgleich das kein Spitzenwert ist, führt LG den Fullscreen-Ansatz gelungen ins mittlere Preissegment ein.

LG Q6 Test
Vor dem Test. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Im Vergleich dazu regelrecht desaströs fällt das Design der Gehäuserückseite aus. Diese viel schon beim Vorseriengerät im Hands-on negativ auf. Auch in der finalen Version bleibt das Backcover ein Makel, der den guten Eindruck des LG Q6 stark eintrübt. Nicht nur, dass die Kunststoffoberfläche optisch und haptisch gegenüber der hochwertigen Glasfront und dem stylischen Metallrahmen stark abfällt. Darüber hinaus ist die Rückseite außergewöhnlich anfällig für Kratzer. Nach zwei Wochen pfleglichen Praxistests ist die Oberfläche bereits übersät mit Schrammen. Ohne Schutzhülle ist ein Einsatz nicht zu empfehlen.

HDR-Funktion sorgt für tolle Fotos

Unter der Haube bietet das LG Q6 zufriedenstellende Hardware-Kost. Die 13 Megapixel auflösende Hauptkamera überzeugt mit präzise belichteten Bildern auch unter schwierigen Lichtsituationen. Dafür sorgt eine standardmäßig aktivierte HDR-Funktion. Viele Bilder konnte ich direkt aus der Kamera verwenden, ohne sie nachträglich per Software aufhellen zu müssen. Nur eine leichte Überschärfung trübt den famosen Bildeindruck.

Weil das Q6 aber das Raw-Format (DNG) unterstützt, lassen sich Bilder individuell nachbearbeiten. Allerdings wird dafür eine Raw-fähige Kamera-App wie Lightroom benötigt. Die native Kamera-Anwendung speichert nur im JPG-Format.

Die 5-Megapixel-Frontkamera nervt – wie viele andere auch – mit weichgespülten Hautretusche-Algorithmen bei Selfies. Dafür überzeugt sie mit einer Superweitwinkel-Funktion. Per Software-Button lässt sich der Bildwinkel auf 100 Grad erweitern. Das ist zum Beispiel bei Selbstporträts im Gebirge hilfreich, auf denen so viel Landschaft wie möglich drauf soll.

Underdog-Prozessor wächst über sich hinaus

Ein großes Fragezeichen stand vor dem Test hinter der Rechenhardware. Dass LG mit dem Snapdragon 435 nur einen untermotorisierten Einsteiger-Prozessor die Rechenarbeit in diesem Mittelklasse-Gerät mit Flaggschiff-Anspruch verrichten lässt, hat in der Technikpresse für Skepsis gesorgt. Der Praxistest entkräftet zumindest meine Zweifel. Zusammen mit dem 3 GB starken Arbeitsspeicher ergibt der Rechenknecht ein gutes Team. Die Chemie zwischen der Hardware und der recht aktuellen Android-Version 7.1.1 samt LGs hauseigener Oberfläche stimmt ebenfalls.

Alltagsaufgaben erfüllt das LG Q6 klaglos. Auch Multi-Window-Sessions mit Chrome und OneNote im parallelen Einsatz lassen es kalt. Vor grafikintensiven Games wie Asphalt Xtreme und Lords of the Fallen knickt es ebenfalls nicht ein. Lediglich bei VR-Anwendungen wie Titans of Space geht die Bildwiederholrate spürbar in die Knie, sie bleibt aber akzeptabel.

Dafür, dass der Saft dennoch mindestens einen Tag ohne Steckdosenkontakt nicht ausgeht, sorgt der relativ großzügig bemessene 3.000 mAh fassende Akku. So viel Power ist bei derart kompakten Geräten in dieser Preisklasse nicht üblich.

Gesichtserkennung kann Fingerabdruckscanner nicht ersetzen

Neben der Auswahl des Prozessors sorgte auch die Entscheidung für eine Gesichtserkennung aber gegen einen Fingerabdruckscanner für Verwunderung. Gegen das Entsperren Gesichtskontrolle an sich kann ich nach den guten Erfahrungen im Hands-on auch im Praxistest nichts einwenden. Sie funktioniert schnell und zuverlässig – sofern ich das Prozedere einhalte und das Smartphone mit dem Arm aus der Körpermitte in Augenhöhe vor das Gesicht führe. Und da ergibt sich auch schon ein Problem.

Ich trage das Smartphone nun mal nicht immer in der Hosentasche. Manchmal liegt es schließlich auch neben mir auf dem Tisch. In diesem Fall funktioniert die Gesichtserkennung aber nicht. Dann muss ich doch PIN oder Muster eingeben. Weil das bei anderen Geräten per Fingerabdruck zum Teil viel schneller geht, vermisse ich diese Entsperrmethode beim LG Q6 in der Praxis dann doch sehr. Mit der Gesichtserkennung setzt sich LG zwar vom Wettbewerb ab, will aber aus meiner Sicht zu viel.

Ausstattung: Schwacher Lautsprecher, starker Witterungsschutz

Der Verzicht auf den Fingerabdruckscanner ist nicht die einzige auffällige Ausstattungslücke. So bleibt LG beim Kabelslot dem veralteten USB-A-Standard treu, anstatt auf zukunftsweisendes USB-C zu setzen. Angesichts des gehobenen Anspruchs ist das inakzeptabel.

LG Q6
Image by Berti Kolbow-Lehradt

Wer gern Podcasts ohne Kopfhörer hört, wird sich über den blechern klingenden Mono-Lautsprecher auf der Gehäuse-Rückseite ärgern. Ein Stereo-Paar auf der Unterseite würde nicht nur überzeugender klingen, sondern wäre auch verständlich, wenn das LG Q6 auf dem Rücken liegt.

LG Q6 Test
Image by Berti Kolbow-Lehradt

Nicht gespart hat LG übrigens am Witterungsschutz. Das Smartphone ist zwar nicht für Tauchgänge geeignet und auch nicht absolut staubdicht. Doch Abdichtungen schützen es vor groben Dreck und Tropfwasser, also zum Beispiel vor Nieselregen. Aus unbekannten Gründen kommuniziert LG diese Wetterfestigkeit nach Schutzart IP52 weder auf der Webseite noch in anderen Produktunterlagen. Dennoch wurde mir diese Information von LG mündlich und per E-Mail bestätigt. Offiziell bewirbt LG lediglich, dass das Q6 bestimmte Härtetests nach dem MIL-STD-810G-Standard bestanden hat. Darüber, wie viel ihr eurem Gerät in der Praxis zumuten könnt, sagt das aber nichts aus.

Test-Fazit LG Q6

Der Praxistest bestätigt das Hands-on: Das LG Q6 ist ein gutes Mittelklasse-Smartphone mit schön großem Display im sehr handlichen Format. Zu einem Preis von 350 Euro bietet es praktische Features, die so kein vergleichbarer Mitbewerber in dieser Preisklasse hat. Dazu zählen das beeindruckende Display im außergewöhnlichen 18:9-Format und die präzise aber eigenwillige Entsperrmethode durch Gesichtserkennung. Ferner überzeugt das LG Q6 durch richtig nützliche HDR- und Weitwinkel-Kamerafunktionen sowie alltagstaugliche Rechen- und Akkuleistung.

Verzichten müssen Nutzer auf einen Fingerabdruckscanner. Der Lautsprecher auf der Gehäuserückseite ist zum Weghören. Wer sich für das LG Q6 entscheidet, sollte zudem umgehend eine Schutzhülle für die altbacken wirkende und kratzeranfällige Gehäuserückseite anschaffen.

Unter dem Strich ist das Modell ein vielversprechendes aber unfertig wirkendes Debüt für LGs neue gehobene Mittelklasse-Serie „Q“. Die direkte Alternative, Samsung Galaxy A5 (2017), kann zwar „nur“ mit einem konventionellen 16:9-Display aufwarten. Zudem bietet sie deutlich mehr überschüssigen Rand und ist nicht so kompakt. Dafür verfügt das Samsung-Modell aber über einige Ausstattungsmerkmale, die dem Q6 fehlen: Metall-Unibody, Fingerabdruckscanner, Wasser- und Staubdichtigkeit nach IP68, USB-C. Mit einem Online-Preis von rund 320 Euro ist das A5 (2017) zumindest zum Marktstart des Q6 auch etwas günstiger zu haben.

(Update 18:07 Uhr: Informationen zum Schutz gegen Staub und Wasser präzisiert.)

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Images by Berti Kolbow-Lehradt


About Berti Kolbow-Lehradt
Berti ist ein pragmatischer Tech-Nerd, der gern Dinge testet, die das Leben komfortabler gestalten und vor allem Spaß bereiten. Er liebt smarte Unterhaltungstechnik sowie digitale Fotografie – und gibt gern Ratschläge dazu. Daher auch der Spitzname „RatgeBerti“. Wäre er nicht Technik-Journalist geworden, dann in einem anderen Leben vielleicht Superheld mit Technik-Overkill (Batman?) oder menschlicher Side-Kick bei den Transformers.

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